Religion als Waffe? Drei Glaubensrichtungen, eine Perspektive
von Annika Meyborg
Wien. Es regnete in Strömen, als sich am Montagabend die Türen des Bruno-Kreisky-Forums in Wien öffneten. Das Publikum wartete bereits unruhig, blickte auf die Uhr – als schließlich die vier Personen eintrafen, die an diesem Abend gemeinsam über Religion, Krieg und Gerechtigkeit sprechen sollten:
Mitri Raheb, palästinensischer Pastor, Brant Rosen, jüdischer Rabbiner aus den USA, Mohammed Abu-Nimer, muslimischer Friedensforscher aus Washington D.C., und Viola Raheb, Religionswissenschaftlerin aus Palästina, fanden sich zu einem Gespräch zusammen, das unter dem Titel "Religion and Ethics in Times of War" stand.
Während drinnen eine warme Begrüßung stattfand, verdunkelte sich draußen der Himmel. Wie sich der Himmel verdunkelte, und ein Sommergewitter über den Himmel blitzte, wurde auch der Ton des Abends zunehmend ernster.
(Von Links nach Rechts) Mitri Raheb, Mohammed Abu-Nimer, Viola Raheb und Brant Rosen diskutieren im Bruno-Kreisky-Haus in Wien.
Von heiligen Texten und verstörenden Realitäten
Viola Raheb eröffnete das Gespräch mit einem klaren Statement: Religiöse Schriften würden immer wieder als Legitimation für Gewalt missbraucht. Das sei ein Missbrauch, der nicht zu rechtfertigen sei. „Verstörende Realitäten“ nannte sie das, und betonte die Dringlichkeit, sich diesen gemeinsam zu stellen. Es gehe nicht darum, ob Religion gut oder schlecht sei. Sondern darum, was wir mit ihr tun - und was sie mit uns macht, so Raheb.
Rabbiner Brant Rosen sprach als Erster von der Macht der Narrative; und wie sie unser Weltbild formen. Er erinnerte daran, dass am selben Tag Bomben im Iran und Israel fielen, und Tausende Menschen in Gaza hungerten. „Seit dem 7. Oktober ist alles zerbrochen“, sagte er und fügte hinzu: „Aber vielleicht ist jetzt der Moment, in dem etwas Neues entstehen könnte".
Der Rabbiner verurteilte den Versuch, Religion zu militarisieren. Seine Bewegung "Jewish Voice for Peace" sei ein Ausdruck davon. „Eine neue Perspektive wird geschrieben werden“, sagte Rosen, und sprach dabei von Protesten, Hungerstreiks und jüdischer Solidarität mit Palästina: „Wir sind eine wachsende Gemeinschaft. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen langsam aufwachen". Trotzdem seien die Verluste der vergangenen Monate in Gaza heute schon untragbar: „Wir werden nie wieder dieselben sein“, sagte der Rabbiner nachdenklich und leise.
Wer hat das größte Gewehr?
Auch Mohammed Abu-Nimer ließ keine Zweifel an seiner Haltung: Er sei seit über 40 Jahren Friedensforscher. Zwar „kein Priester, aber ein Verfechter des Friedens“. Der Friedensforscher sprach von zehntausenden Toten, hungernden Kindern und abgeschnittenen Hilfslieferungen; und von seiner eigenen Erschöpfung. Es sei schwer, weiterhin für Gewaltfreiheit einzustehen, wenn die Welt so laut nach Waffen rufe. „Was wir gerade erleben, ist katastrophal.“
Seine Diagnose: Wir hätten jahrzehntelang versucht, Konflikte durch Militarisierung zu lösen. „Aber was hat’s gebracht?“, fragte er in den Raum. „Willst du deine Kinder mit der Idee großziehen, dass der mit der größeren Waffe gewinnt?“ Die Alternative sei Solidarität. Die Welt brauche ein Werkzeug, das nicht auf Gewalt basiere, sondern auf Menschlichkeit, so der Friedensforscher und ergänzte „Ansonsten werden die Kriege nicht aufhören".
Abu-Nimer betonte außerdem, dass Europa längst Teil des Konflikts sei. „Glaubt nicht, dass ihr außen vor seid“, warnte er. „In Kriegszeiten wird man getestet, nicht im Frieden.“
"Gaza hat seinen Glauben in uns Menschen verloren"
Mitri Raheb, der palästinensische Pastor, wurde noch persönlicher. Er sei fassungslos, sagte er: über die Bilder, über das Schweigen, über das scheinbare Fehlen von Konsequenzen. Seine zentrale These: Religion wird missbraucht. Wenn ein Premierminister sich auf Gott berufe, um Bomben zu rechtfertigen, sei das ein Verrat an jeder heiligen Schrift: „Netanyahu zitierte Gott, als israelische Truppen nach Gaza kamen".
„Die Tora, die Bibel, der Koran; sie enthalten alles an Texten“, so Raheb. Die Frage sei: Was suchen wir darin? Wer Krieg suche, würde auch Verse für eine Legitimation von Krieg finden. Wer Frieden suche, fände Frieden. Das Problem seien weder Religion noch Heilige Schriften: „Es geht um uns selbst", bekundete der Pastor.
„Gaza hat seinen Glauben in uns Menschen verloren - nicht in Gott", so Raheb und fügte hinzu: „Und das ist womöglich gefährlicher als jede Bombe".
„Was kostet es dich?"
Immer wieder drehte sich das Gespräch um Verantwortung. Um die Frage: Wer schweigt, und warum? Abu-Nimer nannte drei Gründe für das große Schweigen: Geld, Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus, und eine teils tiefsitzende Islamfeindlichkeit. Auch Rosen sprach vom Preis des Aufstehens, aber auch davon, dass Wegschauen keine Option sei. „Was kostet es dich, dich zu erheben? Was bist du bereit zu zahlen?“, fragte er, und ließ die Antwort offen.
Mitri Raheb machte klar: Es gehe nicht um ein interreligiöses Gefecht, sondern um eine gemeinsame Suche nach Gerechtigkeit. „Solidarität“ und „ein notwendiger Perspektivenwechsel" seien die Stichworte, die alle drei Religionen verbinden würden.
Ein Olivenzweig in dunkler Zeit
Zum Schluss wurde der Ton leiser, aber nicht weniger eindringlich. Hoffnung sei eine Disziplin, sagte Abu-Nimer. Sie falle nicht vom Himmel. Man müsse sie pflegen.
Mitri Raheb zitierte Stimmen aus dem globalen Süden: Menschen, deren Augen so lange geweint hätten, dass sie Dinge sehen könnten, die andere übersähen. Er sprach vom kolonialen Erbe, von der Notwendigkeit einer solidarischen Bewegung.
Rosen schließlich sagte: „Gott ist nicht tot. Wir halten ihn nur fern.“ Wenn Religion zur Waffe werde, sei sie am gefährlichsten. Aber wenn sie befreie, dann könne sie heilen.
„Eines Tages werden uns unsere Kinder fragen: Wo warst du und was hast du getan, als ein Genozid passierte und sich die Welt einem atomaren Krieg näherte.“
Mit diesen Worten endete Viola Raheb den Abend. Ihre Frage hallte nach, der Konferenzsaal war so still, man hätte eine Nadel auf den Boden fallen gehört. Denn am Ende ging es nicht um Theologie. Sondern um Haltung. Und um die Frage: Wo stehst du – und was bist du bereit zu riskieren?
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