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Politik Ausland
09/17/2019

Gänsehaut-Effekt: NSA-Aufdecker Snowden erzählt seine Geschichte

US-Whistleblower Edward Snowden warnt in seinen Memoiren vor der allumfassenden Überwachung durch Geheimdienste.

von Dirk Hautkapp

Wer in den heute, Dienstag, erscheinenden Memoiren von Edward Snowden nach Gänsehaut-Effekten sucht, wird ab Seite 407 umfassend bedient. Im Schlusskapitel von „Permanent Record“, einer zwischen Technologiebildungsroman, politischem Weckruf, Rechenschaftsbericht und Real-Krimi pendelnde Biografie, räumt der durch seine Enthüllungen über die weltumspannenden Überwachungsmethoden des US-Geheimdienstes NSA bekannt gewordene Computer-Experte mit der Idee der Privatsphäre auf. Restlos.

„Wenn du dies hier – diesen Satz – gerade auf irgendeinem modernen Gerät, etwa auf einem Smartphone oder Tablet, liest, dann können die Geheimdienste dir folgen und dich lesen“, schreibt Snowden, dem in Amerika ein Prozess wegen Spionage und Landesverrats droht. „Sie können verfolgen, wie schnell oder langsam du umblätterst und ob du die Seiten alle nacheinander liest oder zwischen den Kapiteln hin- und her springst.“

Für eine „interessierte Regierung“ wäre es ein Kinderspiel, herauszufinden, ob „du das Buch illegal heruntergeladen oder als gebundene Ausgabe online erworben oder in einem richtigen Geschäft mit Kreditkarte gekauft hast“.

„Egal wo, egal wann“

Snowden, der lange Teil einer Maschinerie war, gegen die sich George Orwells „1984“ Ahnungen waisenknabenhaft ausnehmen, spricht vom „Endprodukt einer Politiker- und Unternehmerschicht, die davon träumt, dich zu beherrschen. Egal wo, egal wann, und egal, was du tust: Dein Leben ist zu einem offenen Buch geworden.“

Seine Philippika, mithilfe des Schriftstellers Joshua Cohen kraftvoll und elegant geraten, endet im Befund, die US-Geheimdienste hätten „sich selbst die Macht verliehen“, unser aller Daten „in alle Ewigkeit aufzuzeichnen und zu speichern“.

"Notwendige Widerstandsbewegung"

Als einziges Rezept dagegen sieht der 36-Jährige, der vor sechs Jahren in Hongkong Gigabytes von geheimem NSA-Material an Journalisten des britischen Guardian übergab und seither in Russland der US-Strafverfolgung entgeht, eine „zwingend notwendige internationale Widerstandsbewegung“.

Der 1983 geborene Snowden, der in der Heimat Verbrecher- und Helden-Status zugleich genießt, plädiert für ein universelles Selbstbestimmungsrecht, das Staat und Industrie abgetrotzt werden müsse. Er lobt ausdrücklich die EU, die 2016 die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verabschiedet hat, „die bisher bedeutendste Maßnahme im Kampf gegen die Übergriffe der technologischen Hegemonie“.

Am Gesetz vorbei

Snowdens Buch, ab heute in 20 Ländern im Handel, bedient durch kluge Verknüpfungen verschiedene Zielgruppen. Wer in die Tiefen der IT-Abgründe abtauchen will, um aus erster Hand zu erfahren, mit welcher Chuzpe die US-Geheimdienste im globalen Maßstab staubsaugerhafte Datensammel-Werkzeuge entwickelten und an Recht und Gesetz vorbei zum Einsatz brachten, kommt auf seine Kosten.

Wer mehr über einen verschlossenen „Whistleblower“ erfahren will, bekommt verdaulich dosiert Intimes dargeboten. Beispiel Liebe: Seine damalige Freundin Lindsay Mills lernte der Mann, dessen Leben sich schon früh bevorzugt vor Computerbildschirmen abspielte, auf einer Kennenlern-Plattform namens „Hot-or-Not“ kennen. Snowden gab ihr die Höchstnote 10. Er war ihr eine 8 wert.

Als er im Sommer 2013 nach Hongkong floh, um die NSA zu demaskieren, sagte er ihr, um sie nicht in Gefahr zu bringen, kein Wort. 18 Monate später in Moskau sahen sich die beiden wieder. „Ich versuchte nicht viel zu erwarten, denn ich wusste, dass ich das nicht verdiente; das Einzige, was ich verdiente, war eine Ohrfeige“, leitet Snowden die Reminiszenz an die Begegnung mit seiner heutigen Ehefrau ein, „aber als ich die Tür öffnete, legte sie ihre Hand an meine Wange, und ich sagte ihr, dass ich sie liebe. ,Pst!‘, sagte sie, ,ich weiß.‘“

Menschelnd und lakonisch geraten auch Schilderungen von Jugendsünden und früh gewachsenen Ressentiments. Um als Knirps die frühen Ins-Bett-geh-Zeiten zu umgehen, stellte er im Alter von sechs Jahren alle Uhren im Elternhaus um Stunden zurück. Schule war für Snowden „im besten Fall eine Ablenkung, im schlimmsten Fall ein illegitimes System, das jeglichen Widerspruch nicht anerkennt“.

Jobangebot mit 12

Mit 12 entdeckte Snowden, der das Internet damals unbekümmert als unerschöpfliche Fundgrube nutzte, auf der Seite des renommierten Kernforschungsinstituts von Los Alamos Sicherheitslücken. Und Unterlagen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Sohn eines Vaters, der bei der Küstenwache tätig war, und einer Mutter, die für den Geheimdienst NSA arbeitete, zeigte staatsbürgerliches Bewusstsein und warnte die Forscher in New Mexiko via eMail und Telefon. Wenig später kam ein „Dankeschön“; verbunden mit einer Job-Offerte, wenn Snowden das 18. Lebensjahr vollendet habe.

Aber nach dem Terror des 11. September 2001 wollte „Ed“ Snowden zum Militär. Aus patriotischen Gefühlen. Fußverletzungen warfen den schmächtigen Knaben in der harten Grundausbildung zurück. Er landete beim Auslandsgeheimdienst CIA. Das Kapitel, in dem er seine Zeit in Genf bilanziert, wo der Geheimdienst mit infizierten USB-Sticks Firmen, Banken und die Vereinten Nationen ausspionierte, sorgt gerade im Schweizer Blätterwald für erhebliches Rascheln.

Nicht wirklich überraschend und doch eindrücklich: Als System-Administrator der NSA, der zuletzt in einem Tunnel-artigen Gebäude unter einem Ananas-Feld auf Hawaii arbeitete, stellte Snowden fest, was Internetnutzer („jeder Volkszugehörigkeit, Rasse und Alter – vom gemeinsten Terroristen bis zum nettesten älteren Bürger“) weltweit verbindet: „Alle hatten irgendwann Porno-Seiten angeschaut, und alle hatten Fotos und Videos ihrer Familie gespeichert.“

Leben im Versteck

Auffällig wenig gibt Snowden, der gern nach Deutschland oder Frankreich übersiedeln würde, indes über sein Leben unter der schützenden Hand Wladimir Putins preis, der bald über eine Aufenthaltsverlängerung zu entscheiden hat. Zur Sicherheit tarnt sich Snowden in Moskau gelegentlich mit Hut, Schal oder Rasuren. Videokameras geht er mit gesenktem Kopf aus dem Weg. Fährt er Taxi, lässt er sich ein paar Häuserblocks von seiner gemieteten Drei-Zimmer-Wohnung entfernt absetzen.

Snowden hat St. Petersburg und Sotschi bereist und Last-minute-Eintrittskarten für das berühmte Bolschoi-Theater bekommen. Seinen Lebensunterhalt, so sagt er, bestreitet er vorwiegend durch Honorare für via Skype zugeschaltete Reden, die er vor Studenten, Bürgerrechtsaktivisten oder interessierten Normalbürgern hält. Die Tantiemen für „Permanent Record“ verschaffen ihm ein weiches Polster.

Buchtipp: Edward Snowden, „Permanent Record“, S. Fischer Verlag, 432 Seiten, 22 Euro

Trailer zum Film "Snowden" (2016)

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