Ein Picknick gegen das Patriarchat

Eine Gruppe in Berlin will aufzeigen, was passiert, wenn Frauen dem System plötzlich fernblieben – und ruft nach Vorbild der Isländerinnen zum friedlichen Arbeitsstreik auf. Auch in Österreich.
Protest am Weltfrauentag in Berlin.

Von Sarah Emminger aus Berlin

Es ist Oktober 1975, als Islands Frauen feministische Geschichte schreiben. Zum Job, in dem sie im Vergleich zu den männlichen Kollegen viel schlechter bezahlt werden, erscheinen sie nicht; auch um Haushalt und Kinderbetreuung kümmern sie sich nicht, bringen stattdessen den überraschten Männern die gemeinsamen Söhne und Töchter im Büro vorbei.

90 Prozent der Frauen im Land streiken an diesem Tag mit. Sie verändern Island damit nachhaltig, erwirken etwa ein Gleichstellungsgesetz sowie die Wahl der ersten Präsidentin. 50 Jahre später findet nach diesem Vorbild am heutigen 9. März ein globaler Frauenstreik statt, von Deutschland aus geplant. Organisatorin Sara Leicht erklärt, warum die jährliche Demonstration am 8. März, dem Weltfrauentag, für sie in diesem Jahr nicht mehr ausreicht.

KURIER: Die Idee des Frauenstreiks geht auf den historischen Streik in Island 1975 zurück. Im Vergleich zu damals haben sich die Lebensumstände vieler – definitiv nicht aller – Frauen weltweit verbessert. Warum braucht es ausgerechnet jetzt einen globalen Frauenstreik?

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24. Oktober 1975: Mehr als 20.000 Frauen versammelten sich auf dem Lækjartorg, dem zentralen Platz von Islands Hauptstadt Reykjavík, zum Streik.

Sara Leicht: Als ich jünger war, war vieles für mich normal – dass es gefährlich ist, allein nach Hause zu gehen, zum Beispiel. Dann bin ich Mama geworden und ich habe die Probleme des Patriarchats noch einmal anders gespürt. Es stimmt, in vielen Ländern der Welt gibt es heute wichtige Gesetze, für die Frauen damals gekämpft haben: Sie wollten ein eigenes Bankkonto, eine eigene Wohnung, selbst über die eigene Arbeit entscheiden.

Rechtlich sind wir in vielen Belangen gleichgestellt. Das bedeutet aber nicht, dass wir die gleichen Möglichkeiten haben. Frauen mit Migrationshintergrund und queere Personen haben es nicht leicht. Und positive politische Entwicklungen gehen mit dem Rechtsruck derzeit auch wieder zurück, in Deutschland ist etwa die Kinderbetreuung unglaublich teuer geworden. Das geht direkt zu Lasten der Frauen. Wir können es uns nicht mehr leisten, nur zuzusehen. Zusätzlich geht es darum, für jene ein Zeichen mitzusetzen, die das aus verschiedenen Gründen nicht selbst tun können – weil sie in einem Kriegsgebiet leben oder weil Männer sie nicht lassen.

Warum ein Streik? Warum reicht die Demonstration am 8. März nicht aus?

Weil wir damit zeigen, was passiert, wenn Frauen das System nicht unterstützen. Wir werden an diesem Tag nicht so streiken, wie man das gewohnt ist. Wir werden nicht demonstrierend mit Plakaten durch die Straßen laufen. In jeder Stadt machen Frauen das, worauf sie Lust haben. Wir gehen picknicken. Wir wollen Spaß haben. Wir wollen zusammenkommen, uns vernetzen und über Dinge reden, von denen wir alle genug haben. Und vor allem wollen wir einfach mal nicht zur Verfügung stehen.

Was fordern Sie konkret?

Wir wollen allen Frauen die Möglichkeit geben, ihr eigenes "Genug" zu formulieren. Aber wir verstehen Feminismus als eine Bewegung gegen den patriarchalen Machtmissbrauch – gegen jene, die sich ohne Rücksicht auf Verluste selbst bereichern. Insofern streiken wir gegen jede Art von Ungleichheit und Krieg, auch Klimaschutz ist für uns feministisch.

Sara Leicht Frauenstreik Berlin

Sara Leicht ist seit einigen Monaten im Kernteam der feministischen Gruppe "Enough", sie arbeitet für das Museum der Universität Tübingen.

Sollte der Feminismus in Europa radikaler sein, um tatsächlich etwas bewirken zu können?

Was bedeutet radikaler? Ich bin keine Freundin davon, auf die Straße zu gehen und etwas zu zerstören. Friedliche Formen des Protests sind für mich viel wertvoller. Wir müssen sichtbarer, lauter, mehr werden, aber nicht gemein und aggressiv – wobei ich keineswegs Frauen kritisieren will, die sich radikaler wehren, gerade in Ländern, in denen sie noch einmal viel stärker bedroht sind.

Wir erleben derzeit auch eine bewusste Abkehr vom modernen Feminismus, etwa durch den sogenannten "Tradwives"-Trend in sozialen Netzwerken, der ein Frauenbild der 50er-Jahre propagiert. Frauen kümmern sich allein um Kinder und Haushalt, bekochen jeden Tag den arbeitenden Ehemann – und feiern genau das.

Wie kann das sein?

Manchen Frauen ist vielleicht nicht bewusst, was der Feminismus für sie erreicht hat – allein, dass sie Hosen tragen können, verdanken sie ja Feministinnen. Und gleichzeitig denke ich mir: Wenn es ihnen klar ist, sie sich freiwillig für so ein Leben entscheiden und sich damit gut fühlen, warum nicht? Feminismus bedeutet nicht, dass wir nicht die Kinderbetreuung und den Haushalt übernehmen dürfen und 40 Stunden die Woche arbeiten gehen müssen. Feminismus bedeutet, selbst darüber zu entscheiden, wie wir unser Leben gestalten wollen.

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