Politik | Ausland
14.09.2018

Bei Ende für Zeitumstellung schon 2019: Droht Fleckerlteppich?

EU-Kommission plant baldiges Aus für Umstellung der Uhren. Staaten sollen selbst entscheiden, welche Zeit sie wollen.

Die EU-Kommission will bereits ab 2019 ein Ende der Zeitumstellung erreichen. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc erklärte am Freitag in Brüssel, sie fordere das EU-Parlament und den Rat auf, sich an "diesen ehrgeizigen Zeitplan zu halten". Sie habe auch schon mit dem österreichischen Ratsvorsitzenden Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) gesprochen.

Letztlich handle es sich um ein Mitentscheidungsverfahren, sagte Verkehrskommissarin Violeta Bulc. "Wir sollten sofort loslegen und schnell vorankommen". Jedenfalls sollten Europaparlament und Mitgliedsstaaten "vor Ende des Jahres Position beziehen. Dann wird es also ab Ende Oktober 2019 keine Zeitumstellung mehr geben".

Der Vizepräsident der EU-Kommission Maros Sefcovics erklärte, die "Botschaft, die wir heute aussenden, ist ganz klar. Es ist an der Zeit, nicht mehr mit der Zeit herumzupfuschen", meinte er. Bei einer öffentlichen Konsultation mit 4,6 Millionen Antworten hätten sich 84 Prozent für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Dies sei die höchste jemals erreichte Anzahl. Die meisten EU-Länder hatten in den 70er-Jahren nach der Ölkrise die Zeitumstellung eingeführt. Das Ziel sei die Energieeinsparung gewesen. "Neue Studien belegen, dass die Energieeinsparungen heute vernachlässigbar sind", so Sefcovics.

Bulc führte als Argument für die Abschaffung auch wirtschaftliche Vorteile an. "Auch für die Kühe ist es schwer zu verstehen, dass sie eine Stunde früher oder später gemolken werden". Hier würden "sehr viele Dinge zusammenkommen".

Mehr Zeitzonen drohen

Dabei machte Bulc klar, dass dies nicht bedeute, dass entweder die Winter- oder die Sommerzeit bleiben werde. Dies könne jeder Staat für sich selbst entscheiden. Wobei sich die Länder aber koordinieren sollten. "Die Entscheidung, ob ein Land dauerhaft Sommerzeit oder Winterzeit haben will, liegt in der Zuständigkeit des Mitgliedsstaates. Ganz eindeutig", unterstrich die Kommissarin.

Die Abschaffung der Zeitumstellung kann allerdings zu einigen Koordinationsschwierigkeiten führen. Damit droht  eine Ausdehnung der bisher drei auf vier Zeitzonen in der EU. Spanien hätte zum Beispiel gute Gründe, sich für die ständige Winterzeit zu entscheiden - denn sonst würde die Sonne in Madrid im Winter erst gegen 9.30 Uhr aufgehen.

Angesprochen darauf, dass aber bei der Letztentscheidung der Staaten, welche Zeit sie auf Dauer wählen wollen, es dazu kommen könnte, dass Deutschland die Sommerzeit nimmt, Österreich die Winterzeit, Belgien die Sommerzeit und die Niederlande wiederum die Winterzeit, meinte Bulc: "In der Theorie gibt es viele Möglichkeiten. Ja, in der Theorie wäre das möglich." Man werde natürlich immer den Willen der Staaten respektieren. Gleichzeitig sei aber auch der Rat aufgefordert, "Lösungen zu finden, die für die Nachbarländer sinnvoll sind".

Bulc verteidigte ihr Vorgehen. "Ich werde häufig kritisiert, dass ich zu langsam reagiere. Jetzt heißt es, ich bin zu schnell. Aber wie immer werden wir über das Mitentscheidungsverfahren die beste Lösung für die Bürger bekommen."
 

Kritik an Umgang mit EU-Befragung

Die EU-Politiker wurden zuletzt für ihren Umgang mit der Befragung zur Zeitumstellung aus der Wissenschaft kritisiert. Die EU-weite Online-Umfrage sei immer als "Suche nach dem Meinungsbild" beschrieben worden und nicht als irgendwie bindend, sagte Andreas Bauch von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig.

Der Physiker reagierte damit auf Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der am Mittwoch im Straßburger EU-Parlament das Ende der Zeitumstellung gefordert und dabei aufs Tempo gedrückt hatte. "Wenn in Braunschweig die Straßenbahn um zwei Kilometer verlängert werden soll, befragt man die Bürger, und es bedarf eines Quorums, damit die Entscheidung ein Gewicht bekommt", sagte Bauch. "Soll das in der EU nicht gelten?", fragte er mit Verweis darauf, dass weniger als ein Prozent der EU-Bürger an der Umfrage teilnahmen.

Der Leiter der Arbeitsgruppe Zeitübertragung betonte, dass jeder Beschluss von der PTB technisch ohne Probleme und ohne nennenswerten Aufwand umgesetzt werden könne. Die Behörde betreibt mehrere Atomuhren und ist in Deutschland mit der Verbreitung der gesetzlichen Zeit beauftragt.

Für den Fall, dass 2019 letztmalig an der Uhr gedreht werden sollte, gibt der Zeitexperte eines zu bedenken. Dem Physiker zufolge werden dann dennoch am letzten Sonntag des Monats März 2020 Zehntausende Zeitschaltuhren auf Sommerzeit umschalten. Damit meint er Geräte, die nicht per Funk gesteuert werden. Etliche Hersteller hätten die Sommerzeit nämlich "fest verdrahtet".