Politik | Ausland 26.05.2018

Erdogan ruft Türken zu Stützungskäufen für Landeswährung Lira auf

© Bild: AP/Burhan Ozbilici

Kursverfall könnte für Erdogan auch bei den vorgezogenen Neuwahlen zum Problem werden.

Schon seit Ende 2016 verliert die türkische Lira an Wert, doch so dramatisch war die Situation noch nie. Um 20 Prozent ist die Lira zum Dollar seit Jahresbeginn abgerutscht. Tendenz weiter fallend.

Die Erhöhung des Leitzins durch die Zentralbank am Mittwoch dieser Woche änderte daran nicht - und das könnte nun auch jenen Mann unter Druck bringen, der in der Türkei lange Zeit als unantastbar galt: Recep Tayyip  Erdogan. Schließlich stehen am 24. Juni die vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Eine kriselnde Währung ist also das Letzte, was der türkische Präsident jetzt braucht.

Vielleicht erklärt auch das, weshalb Erdogan heute zu einer drastisch klingenden Maßnahme griff und seine Landsleute zu Stützungskäufen für die Lira aufrief. "An meine Brüder, die Dollars und Euros unter ihren Pölstern haben: Geht und wechselt euer Geld in Lira um", sagte Erdogan am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in der östlichen Stadt Erzurum. "Wir werden dieses Spiel gemeinsam zerstören."

Finanzinvestoren meiden Türkei

Zuletzt hatte Erdogan angekündigt, die Notenbank nach der Präsidenten- und Parlamentswahl am 24. Juni unter politische Kontrolle stellen zu wollen. Dem umstrittenen Machthaber ist die Hochzinspolitik der Notenbank ein Dorn im Auge. Ironischerweise führte Erdogans Ankündigung aber dazu, dass die Währungshüter massiv an der Zinsschraube drehten, um den Verfall der Landeswährung einzudämmen. Am Mittwoch hob die Notenbank den Schlüsselzins von 13,5 Prozent auf das Rekordniveau von 16,5 Prozent an. Die Talfahrt der Lira setzte sich trotzdem fort, weil gemeinhin mit einem Sieg Erdogans bei der Präsidentenwahl gerechnet wird. 

Für Jameel Ahmad vom Devisenhändler FXTM waren Erdogans Äußerungen der "Auslöser" für den jüngsten Kurssturz. Die Bedrohung für die Unabhängigkeit der Zentralbank sei inzwischen so hoch, dass es Händlern selbst zum derzeitigen niedrigen Wert zu riskant erscheine, Lira zu kaufen, sagt er. Im Basar von Istanbul weigerten sich am Mittwoch Devisenhändler angesichts des Kurssturzes sogar, Dollar zu verkaufen.

Wirtschaft immer größeres Problem für Erdogan

Grundsätzlich ist die Wirtschaft in der Türkei ist vergangenes Jahr zwar um kräftige 7,4 Prozent gewachsen, doch gerät sie immer mehr in Schieflage. Die Inflation verharrt bei knapp elf Prozent und das Leistungsbilanzdefizit wird immer größer. Ein Gutteil des Wachstums geht auf staatliche Investitionen in die Infrastruktur zurück. Zudem stützt die Regierung den Konsum mit immer neuen Subventionen. Viele Ökonomen warnen inzwischen vor einer Überhitzung der Wirtschaft.

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CHP-Präsidentschaftskandidat Muharrem Ince und seine Frau. © Bild: APA/AFP/ADEM ALTAN / ADEM ALTAN

Der Erfolg Erdogans an den Urnen beruht jedoch maßgeblich auf der guten Entwicklung der Wirtschaft. Viele Beobachter gehen davon aus, dass Erdogan die Wahlen auch deshalb vorgezogen hat, um einem Einbruch der Wirtschaft zuvorzukommen. Der rasante Verfall der Lira bringt die Regierung nun aber in Bedrängnis. Viele Wähler werten die Schwäche der Währung als Schwäche der Wirtschaft insgesamt. 

Die Opposition wähnt sich deshalb bereits im Aufwind. Die Hauptoppositionspartei CHP warnte die Regierung zuletzt vor jeder Einmischung in die Entscheidungen der Zentralbank. CHP-Präsidentschaftskandidat Muharrem Ince forderte Erdogan zudem auf, alle Wirtschaftsberater zu feuern, die ihn "belogen" hätten und warnte: Der türkischen Wirtschaft drohen "ernsthafte Turbulenzen", wenn keine Schritte gegen den Verfall der Lira ergriffen würden.

( Agenturen ) Erstellt am 26.05.2018