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Politik Ausland
03/22/2020

Drei Monate Haus-Quarantäne für alle britischen Vorerkrankten?

Nach anfänglichem Zögern in der Corona-Krise überlegt London eine Total-Ausgangssperre für 1,5 Millionen Menschen.

von Walter Friedl

Die britische Regierung will im Kampf gegen das Corona-Virus eine weit reichende Maßnahme ergreifen: Da vor allem Menschen mit Vorerkrankungen besonders gefährdet sind und deren Risiko, an Covid-19 zu sterben, besonders hoch ist, sollen sie drei Monate lang ihre Wohnung oder ihr Haus gar nicht mehr verlassen - um eine Ansteckung zu vermeiden.

Lieferservice

1,5 Millionen Menschen werden demnach nun von Spezialisten oder Hausärzten aufgefordert, im Freien weder spazieren zu gehen noch Einkäufe zu erledigen. Spezielle Lieferdienste für Lebensmittel und Medikamente würden eingerichtet. Auch eine entsprechende Hotline soll installiert werden.

Betroffen sind unter anderem Blut- oder Knochenkrebspatienten, Menschen, die an Mukoviszidose (Stoffwechselerkrankung) leiden oder eine Organtransplantation hinter sich haben.

Johnson musste zurückrudern

Ursprünglich hatte die Regierung unter Tory-Premier Boris Johnson auf die so genannte Herdenimmunisierung gesetzt. Das heißt: Es sollen sich kontrolliert möglichst viele Personen mit dem Virus infizieren, denn bei einer Infektionsrate von 60 bis 70 Prozent gilt das Virus als besiegt. Allerdings hatte Experten massiv von diesem Experiment abgeraten und auf "soziale Distanzierung" gesetzt - wie sie jetzt zunehmend auch im Königreich praktiziert wird. Dort gab es Stand Sonntag Mittag 5.067 Infizierte und rund 234 Tote.

Eine Abschottung für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gibt es bereits in der Türkei. Im Land am Bosporus wurde am Wochenende eine Ausgangsbeschränkung für Bürger ab 65 Jahren sowie chronisch Erkrankte verfügt.

Öffentliche Plätze, Parks oder Gärten sind für diese Menschen ab sofort tabu. Das sei notwendig geworden, so das Innenministerium, da vor allem Senioren trotz der intensiven Warnung ins Freie geströmt waren.

Türkei: Drastische Maßnahmen

Zuvor hatte der Bürgermeister von Ankara, Mansur Yavas, eine außergewöhnliche Maßnahme ergriffen, um älteren Mitbürgern das Flanieren zu erschweren: Er kündigte an, die Gratis-Senioren-Tickets kurzfristig auszusetzen und Normaltarif einzuführen.

Der Gemeindevorsteher des Istanbuler Distrikts Üsküdar ließ sogar die Bänke auf öffentlichen Plätzen abmontieren, an denen Senioren in der Regel dicht an dicht saßen.

Kanton Uri overruled

Auch im Schweizer Kanton Uri hatte die dortige Verwaltung eine Ausgangssperre für Menschen, die älter als 65 Jahre sind, erlassen. Doch mit einer Verordnung des Bundesrats, die die Komptenzen der Kantone auf ein Minimum reduziert, wurde diese regionale Entscheidung wieder aufgehoben.