Politik | Ausland
14.07.2018

Assads jüngster Sieg weckt Angst vor neuer Flüchtlingswelle

Rebellen aus Daraa vertrieben. Expertin warnt vor Folgen der nächsten militärischen Offensive. Kein Frieden in Sicht.

Hier in Daraa hat im Februar 2011 alles angefangen. Ein paar Männer hatten sich im Postamt der südsyrischen Stadt verschanzt. Die Demonstrationen gegen die Festnahme von drei Burschen, die einen Anti-Assad-Spruch an eine Wand gesprüht haben, waren zu Protesten gegen das Regime geworden. Und sie waren aus dem Ruder gelaufen, als die Sicherheitskräfte anfingen, scharf auf die Demonstranten zu schießen. Aus Regimegegnern wurden bewaffnete Rebellen, einige verschanzten sich in eben jenem Postamt.

Mehr als sieben Jahre später weht in Daraa wieder die Flagge des syrischen Regimes. Just in der Nähe der Post wurde sie aufgestellt. Kein Zufall.

Die Region Daraa im Südwesten Syriens galt bis vor wenigen Wochen neben Idlib im Norden als die letzte Hochburg der Rebellen – die sich seit Beginn der Aufstände in mehr als Tausend Gruppen mit teils radikalislamischer Ausprägung aufgesplittert haben. Mitte Juni startete das Assad-Regime die groß angelegte Daraa-Offensive. Am Donnerstag gaben die letzten Rebellen auf. Die Offensive hat 300.000 Menschen zur Flucht ins Grenzgebiet zwischen Syrien, Jordanien und Israel gezwungen. Da beide Grenzen geschlossen sind, bleibt den Flüchtenden kaum ein Ausweg.

 

Angeblich sollen die russischen Helfer des syrischen Regimes seit Wochen mit den verbliebenen Rebellen und Zivilisten über deren Rückzug nach Idlib verhandeln. Bente Scheller von der Heinrich Böll Stiftung in Beirut fürchtet, dass Idlib das Ziel der nächsten Assad-Offensive sein wird: „Assad hat ja angekündigt, jeden Zentimeter des Landes zurückerobern zu wollen.“ Doch einen Angriff auf Idlib sieht Scheller noch problematischer als alles bisher dagewesene. „Die Provinz ist bereits überbevölkert. Eine riesige Fluchtbewegung in Richtung Türkei wäre zu erwarten. Der Druck auf die Türkei, die bereits Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat, sowie auf Europa würde steigen.

Ist der Krieg bald vorbei? „Auch wenn Assad Stück für Stück militärische Oberhand gewinnt, bedeutet das nicht Frieden“, sagt Scheller. Zwar würden die direkt erkennbaren Angriffe dann wohl weniger, aber die Verfolgung, Unterdrückung und Hinrichtungen würden weitergehen, so die Nahost-Expertin. Zudem sind noch zu viele Konflikte ungelöst. Etwa jener von Israel mit dem Iran oder die Frage, wie der Norden in Zukunft aussehen soll – Stichwort Türkei/Kurden.