„Wir können und wollen so nicht mehr“

Silke Kranz ist Ärztin in Bad Zell
Die Belastungsgrenzen für Mediziner und Mitarbeiter sind deutlich überschritten. Von Silke Kranz.

Dieser Tage bröckelt es nicht nur an der Spitze unseres Gesundheitssystems, es kriselt auch an der Basis. Ein paar meiner liebsten Kollegen, mit denen ich mich hin und wieder austausche und die ich für äußerst emphatisch und engagiert halte, geht es wie mir: Sie können und wollen nicht mehr.

Wenig Zeit für Kranke

Es waren – wie für viele andere auch – die letzten Monate schon sehr hart, aber die letzten Wochen übersteigen unsere Belastungsgrenze bei Weitem. Wir könnten rund um die Uhr arbeiten und uns nur mit Impfterminen und -beratungen, sowie Fragen und Beschwerden über die Pandemie beschäftigen. So viel, dass nicht genug Zeit für die Kranken bleibt, die aktuell Hilfe und Rat benötigen.

Fass ohne Boden

Unabhängig davon, wie viel früher wir beginnen oder länger wir bleiben, es ist derzeit ein Fass ohne Boden. Wir hören Vorwürfe, dass wir schlecht erreichbar seien, Mails nicht innerhalb einer Stunde beantworten und wir nicht sofort zurückrufen, wenn jemand gerne etwas telefonisch besprechen würde. Meine Assistentinnen haben nur je zwei Ohren und ich nur einen Kopf. Und der raucht.

100 Stunden für Listenerstellung

Ich habe einfach einmal nachgerechnet und herausgefunden, dass ich inzwischen mehr als hundert Stunden investiert habe, um Listen für die Reihung der Impfungen nach Risiko, Alter und Lebensumständen zu schreiben und täglich zu aktualisieren. Denn leider gibt es keinen General-Computer, der mir auswirft, wer bereits geimpft wurde oder eventuell nur eine Dosis benötigt.

Ebenso wie ich keine Zauber-EDV besitze, die ich mit den Risiko-Richtlinien füttere und die mir dann die geeigneten Patienten in einer optimalen Reihenfolge anzeigt. Nein, ich durchforste einfach so meine Patientenakten. Diese Stunden sind meine Freizeit und werden mit exakt null Cent abgegolten. Auch das Impfen bei uns niedergelassenen Ärzten ist freiwillig, gibt es doch auch offizielle Impfstraßen.

Vorwürfe

Ich betreue meine Patienten nur gerne selbst und weiß auch, dass es für viele beschwerlich wäre, zu einer dieser Impfstraßen zu gelangen. Dazu stehe ich und betrachte auch diesen Teil als meinen Herzensberuf. Wenn mein Team und ich allerdings zunehmend mit Vorwürfen konfrontiert werden, warum Nachbarn schon geimpft werden, obwohl sie gar nicht gebrechlich sind oder zu jung oder was auch immer, dann frage ich mich, ob ich es nicht einfach bleiben lasse.

Überarbeitet

Mein Team ist überarbeitet und auch ich wüsste, wie ich meine Zeit mit meiner Familie weit entspannter gestalten könnte. Ich rede meinem Automechaniker und meinem Installateur auch nicht drein, weil ich es einfach nicht besser weiß. Wenn es um Krankheiten geht, bin ich diejenige, die es besser weiß.

Wann privat?

Nebenbei bemerkt: Ich rufe sonntags oder abends nicht die Dame vom Supermarkt an, wenn ich bemerke, dass ich nur mehr einen Liter Milch zu Hause habe. Auch ich bin gerne hin und wieder – gerade in Zeiten wie diesen – einfach nur eine Privatperson. Ich weiß, wir alle sind mürbe und sehnen uns nach einer leichten Zeit.

Höflichkeit ist gefragt

Lassen Sie mich Ihnen versichern: Auch dem Gesundheitspersonal geht es so. Wir haben auch Gefühle und freuen uns wie jeder andere über ein aufmunterndes Wort. Wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, dann tun es Respekt und Höflichkeit auch.

Silke Kranz ist diplomierte Ernährungs- und Sportmedizinerin und Ärztin für Allgemeinmedizin in Bad Zell

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