Leitartikel
08/09/2020

Zwei Krisen, viele Parallelen

Flüchtlinge 2015, Corona 2020 – in beiden Fällen sprechen wir von Wellen. Und beobachten ähnliche Mechanismen.

von Gert Korentschnig

Vor fünf Jahren, da war noch alles anders. In den USA gab es einen Präsidenten, der zuerst nachdachte, bevor er etwas in die Welt hinausschickte – seien es Soldaten, seien es Nachrichten auf Twitter. Die Europäische Union war (trotz ein paar Rebellen im Osten) eine unerschütterliche Einheit – noch nicht einmal die Briten hatten sich dagegen entschieden. Und im kleinen Österreich regierte ein Bündnis zweier Parteien, das man damals Große Koalition nannte – falls sich jemand daran erinnern kann.

Dann kamen die Flüchtlinge.

Aus Syrien, aus Afghanistan, aus dem Irak und einigen anderen Ländern. Zunächst mehr oder weniger unkontrolliert über die Grenzen, dann trotz kontrollierter Grenzen. Viele über die Balkanroute, viele über das Mittelmeer, sehr viele von ihnen mit Schleppern, die ihnen das letzte Geld aus der Tasche zogen. Das war im August 2015 (begonnen hatte es schon viel früher).

Die meisten, Politiker wie Politik-interessierte Menschen, schauten anfangs nur tatenlos zu. Bis in einem bei Parndorf abgestellten Kühllastwagen 71 tote Flüchtlinge gefunden wurden. Ab dann konnte niemand mehr wegschauen.

Dieser Tag, der 27. August 2015, markierte endgültig den Anfang einer politischen Wende.

Zunächst gab es noch größtes Mitleid mit den Flüchtenden und schärfste Ablehnung der Schlepperbanden. Eine Willkommenskultur setzte ein sowie Unverständnis für Viktor Orbáns Stacheldrähte. In Wien wurden Flüchtlinge am Westbahnhof gefeiert und versorgt – schon bald jedoch war man froh, wenn sie möglichst rasch nach Deutschland weiterreisten. „Wir schaffen das“ (© Angela Merkel), der berühmteste Satz der Flüchtlingskrise, galt dort länger als bei uns.

Nach und nach gingen die Grenzbalken zu. Und spätestens seit der Silvesternacht in Köln mit sexuellen Übergriffen wurden Flüchtlinge im deutschsprachigen Raum von breiten Teilen der Bevölkerung als Bedrohung empfunden.

Die Politik, oder zumindest ein guter Teil der politischen Protagonisten, hatte ein klares Feinbild. Wahlen standen fortan im Zeichen von Flüchtlingen (umso bemerkenswerter, dass in Österreich trotz der aufgeheizten Stimmung Alexander Van der Bellen Bundespräsident wurde – aber auch dafür brauchte es mehrere Anläufe). Regierungen kippten wieder nach rechts, den Anfang machte Oberösterreich mit einer schwarz-blauen Koalition, zwei Jahre später folgte die Bundesregierung. Quer durch Familien und vor allem durch soziale Netzwerke verliefen die ideologischen Trennlinien. Wer für Asylberechtigte eintrat, war ein linker Gutmensch, wer einen Aufnahmestopp forderte ein rechter Schlechtmensch. Dialog unmöglich. Und keine Spur mehr von sachlicher Auseinandersetzung oder einer Suche nach konstruktiven Lösungen. Selbst dann, als kaum noch Flüchtlinge kamen, blieben sie in der öffentlichen Debatte zentral.

Angst vs. Ratio

Warum aber ist es gerade heute so wichtig, an die Geschehnisse vor fünf Jahren zu erinnern? Weil wir in der Coronakrise ähnliche Mechanismen erleben. Und das sogar verschärft. Wieder geht es um Ängste, realistische und geschürte. Wieder waren Grenzschließungen in einem ersten Reflex das probate Mittel. Wieder herrscht in vielen Ländern Unverständnis für die Haltung des jeweils anderen. Diesmal ging die Abschottung sogar so weit, dass kleine Gemeinden nichts mehr mit ihren Nachbardörfern zu tun haben wollten. Corona ist die Rückkehr des Nationalstaates hoch zehn.

Pessimistisch formuliert könnte man sagen, die aktuelle Krise hat auf dramatische Weise fortgeführt, was die Flüchtlingskrise säte: Die Gesellschaft ist noch stärker entzweit, die EU zerbrechlich wie nie zuvor. Und die Jobs, die laut Populisten seit Jahren durch offene Grenzen und Ausländer gefährdet sind, sind nun endgültig weg.

Optimistisch betrachtet zeigt Corona, wozu Europa, wenn es wirklich will, fähig ist, etwa zu Finanzhilfen, die die Abschaffung des Geldes suggerieren. Hätte man für die Lösung der Flüchtlingsproblematik nur einen Bruchteil davon in die Hand genommen, etwa für Hilfsmaßnahmen in den Herkunftsländern oder für Integration, es wäre nie in diesem Ausmaß dazu gekommen.

Hoffentlich war’s das dann aber, zumindest eine Zeit lang, mit den so genannten Krisen. Eine weitere Verschärfung mag man sich nicht ausmalen.

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