Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/25/2020

Wir werden uns noch wundern …

Strikte asiatische Systeme sind neuerdings Vorbild für Europa. Da geht es auch um Überwachung.

von Martina Salomon

Ziemlich genau vier Jahre ist es her, dass der damalige Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer seinen berühmten Satz gesagt hat (der dann Anlass für manche Überinterpretation gab): „Sie werden sich wundern, was alles gehen wird.“ Und jetzt? Jetzt wundern wir uns über nichts mehr.

Ausgerechnet eine Regierung mit grüner Beteiligung setzt Grundsätze eines liberalen Staates außer Kraft. Und wir werden uns wahrscheinlich wundern, was da alles noch weiter möglich ist. Man kann es der Regierung in der momentanen Ausnahmesituation nicht vorwerfen, aber es darf einem dennoch mulmig werden. Strikte asiatische Systeme sind neuerdings Vorbild für Europa. Da geht es nicht nur um Ausgangssperren, sondern auch um Überwachung der Gesamtbevölkerung via Handydaten (anonymisiert geht das jetzt schon). Wer nicht zustimmt, dessen Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass man Kontaktpersonen der positiv Getesteten einfach orten und so die Virusverbreitung leichter eindämmen kann. Big Data gibt wissenschaftliche Aufschlüsse, die man momentan dringend braucht.

Im schlimmsten Falle werden wir das daher sogar akzeptieren (müssen), aber es bleibt Aufgabe der Medien, dies kritisch zu beobachten. Übrigens auch diese Regierung: Gut möglich (und vielleicht sogar vernünftig), dass sie die nähere Zukunft deshalb so schwarz malt, weil die Disziplin momentan buchstäblich überlebensnotwendig ist. Die Krise ist damit hoffentlich schneller bewältigt, als gedacht. Angenehmer Nebeneffekt für die Regierung: Sie hat sich dann Heldenstatus erarbeitet. Nach Ostern braucht es aber klare Signale, dass das wirtschaftliche Leben wieder Schritt für Schritt anläuft.

Jede wagemutige (und dennoch logische) Frage wird übrigens gar nicht gestellt, etwa: Warum werden Zivil- und Präsenzdiener (sinnvollerweise) zu längerem Dienst verpflichtet, den Mädchen aber nichts abverlangt? Warum stellen wir nicht pensionierte Beamte in den Dienst (was rechtlich möglich ist), wenn sie gebraucht werden? Warum werden arbeitsfähige Arbeitslose nicht für dringende Hilfsleistungen wie Erntehelfen und Regalschlichten in Supermärkten eingesetzt?

Wundern darf man sich auch über die vielen betulichen Schönfärbereien dieses absoluten Ausnahmezustandes, der, wenn er länger dauert, bedrohlich wird. Bitte hören wir auf, das alles als nötige „Entschleunigung“ und „Rückbesinnung“ zu bezeichnen. Ist ja richtig und gut, wenn wir jetzt viele absurde Entwicklungen aus der Vor-Corona-Zeit hinterfragen – und sie ändern. Aber schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus. Für Hunderttausende geht es schlicht um ihre Existenz. In der Nach-Corona-Zeit wollen wir unser altes Leben zurück.