Meinung
26.05.2018

Wien ist anders: Was bleibt von Häupl?

Was Michael I auszeichnete und womit Michael II jetzt aufräumen muss.

Mitte der Achtzigerjahre übersiedelte Ihre Autorin (noch als Studentin) von der geschniegelten Stadt Salzburg nach Wien – und war begeistert: deutlich geringeres Lodenmäntelaufkommen, der leichte Grind-Faktor der Stadt, die verblüffend unfreundlichen Kaffeehaus-Kellner, Peymann im Burgtheater, und die bereitwillige Freundlichkeit, mit der Passanten Auskunft gaben: leiwaund!

Helmut Zilk befreite da gerade die Stadt vom Grau, getrieben auch von den „bunten Vögeln“ Erhard Buseks. Zilk öffnete den Platz vor dem Rathaus, das Haas-Haus wurde gebaut, die Albertina revitalisiert. Er verstand sich als eine Art Fernsehdirektor der Bürger.

Wie wirkt Wien jetzt auf Neuankömmlinge? Die Kellner (abgesehen von den deutlich netteren deutschen) sind nicht freundlicher geworden. Die Eventzone hat sich auf den Ring ausgedehnt – und Fußgänger sind zum Freiwild für wildgewordene Radler geworden.

Nicht nur für Manager, die nach Wien versetzt werden, ist Wien dennoch eine Traumstadt geblieben: hohe Freizeitqualität, zumeist sicher, pittoresk und mit niedrigeren Mieten als in anderen Weltstädten. In den letzten Jahrzehnten gab es gute Projekte: die neue Wirtschaftsuni und ihre (Wohn-)Umgebung zum Beispiel, oder der Biotech-Cluster. Aber auch missglückte: Town Town und Wien Mitte (ein architektonisches Desaster). Wegen des Projekts Heumarkt droht der Verlust des Weltkulturerbes. Und etliche produzierende Firmen haben die Stadt verlassen.

Grünes Experiment

In die Geschichte eingehen wird die Umwandlung der Mariahilfer Straße in eine Fußgängerzone. Obwohl es vernünftiger gewesen wäre, stattdessen die Autos vom Hohen Markt oder aus der Bräunerstraße zu entfernen, überließ Häupl den Grünen diese Spielwiese.

Für Leute mit viel Tagesfreizeit ist Wien ein Super-Platz, das Gratis-Freizeitangebot sucht seinesgleichen. Kein Wunder, dass viele Diplomaten in der Pension hierherziehen. Unter Häupl ist Wien noch bunter geworden. Der Ex-Bürgermeister ist viel intelligenter, als die Kunstfigur, die er aus sich gemacht hat. Gleichzeitig ist er weniger volksnah, als er wirkte.

Das kann sein Nachfolger Michael Ludwig besser. Dieser muss mit einigem aufräumen: mit den (freundlich ausgedrückt) engen Freundesbanden in der Stadt. Und auch damit, jeden niederzumachen, der auf Probleme hinweist.

In den 24 Jahren Häupl-Regentschaft ist Wien (wieder) zu einer Migrantenstadt geworden. Die Folgen überfordern Sozialbudget, Schulen, Spitäler, den Gemeindebau und haben neue Sicherheitsprobleme erzeugt. Häupl hat die Entstehung des neuen Proletariats in der Vorstadt ignoriert. Wie wird Ludwig damit umgehen? Und wie verhindert er, dass das Wachstum der Stadt zu mieser Bauqualität und neuen Konfliktzonen in hastig und zu verdichtet errichteten Stadtteilen führt? Der Großraum Wien steht an einer Zeitenwende. Wie viel Wachstum durch Zuwanderung verträgt die Stadt? Bleibt Wien anders oder wird Wien anders? Michael II. wird Antworten geben müssen.martina. salomon