Meinung
08/19/2019

Wie ein Picknick Europa veränderte

30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs teilen Westen und Osten eine politische Union - wirklich zusammengewachsen sind die Blöcke noch nicht.

von Ingrid Steiner-Gashi

Es gab Zeiten, da war kurz hinter Wien die Welt zu Ende. Ebenso östlich von Mörbisch oder nördlich von Laa an der Thaya. Reisen hinter den Eisernen Vorhang, das war aus westlicher Sicht mühsam bis unmöglich, schikanös, feindlich, düster und den meisten Österreicher sowieso kein großes Anliegen.

Und dann waren sie plötzlich unübersehbar: Die Risse in den Zäunen und Mauern zwischen dem westlichen Europa und den von Moskau kontrollierten Staaten Osteuropas.

Auf den Tag genau 30 Jahre ist es her, dass mehrere hundert, an der Grenze zu Österreich festsitzende DDR-Bürger nur darauf gewartet hatten, dass ein Spalt aufgeht und sie nach Österreich „in die Freiheit“ stürmen können. Was damals als „Pannonisches Picknick“ nahe Sopron begann, nämlich als die bis dato größte Massenflucht von DDR-Bürgern, führte letztendlich zum Fall der Berliner Mauer und zum endgültigen Scheitern eines politischen Systems der Unfreiheit und Unterdrückung. Wie ein Kartenhaus stürzten die kommunistischen Regierungen zusammen, jene Ungarns, der Tschechoslowakei, Polens... zu allerletzt sogar jene der Sowjetunion.

30 Jahre nach diesen epochalen Erschütterungen hat Europa heute ein anderes Gesicht. Unter dem Dach der EU vereint es die einst kommunistischen Staaten mit jenen der ideologischen Feinde im Westen. Man teilt eine politische Union, doch wirklich zusammengewachsen sind die beiden Blöcke längst noch nicht. Die wirtschaftlichen Ungleichheiten blieben himmelschreiend groß, in einigen Teilen Europas darf wieder die „illiberale Demokratie“ gepredigt werden. Es gibt noch viel zu tun in jenem „freien Europa“, in das sich einige Hundert DDR-Flüchtlinge so begeistert gestürzt hatten.