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Stadtgeflüster
11/18/2019

Wenn die Politik einen Hashtag kapert: Rettet die #Wienliebe

Unter dem Hashtag #wienliebe sammeln die Wienerinnen und Wiener völlig unpolitische Liebeserklärungen an ihre Stadt. Die Stadtpolitik zerstört das.

von Julia Schrenk

Der Maroniverkäufer, der die Maroni erst aushändigt, nachdem man das Geldbörsel sicher in der Tasche verstaut hat – „weil sonst waren s’ teuer, die Maroni.“

Die Bestattung Wien, die Stoffsackerl mit der Aufschrift „Ich turne bis zur Urne“ bedrucken lässt und in ihrem Online-Shop verkauft. Und die Hauptbücherei, die daraufhin ihre eigenen Stoffsackerl kreiert: „Ich lese bis ich verwese“.

Die Tafel vor dem Beisl, die Bier und Spritzer „to go“ anpreist (Bier 3 Euro, großer Spritzer 4 Euro). Kaffee zum Mitnehmen gibt’s eh überall anders.

Es sind diese zutiefst wienerischen Begegnungen und kleinen Beobachtungen, weshalb wir uns hin und wieder neu verlieben in unsere Stadt. Wer seine Freude teilen mag, stellt die Anekdote auf die Social-Media-Plattform seiner Wahl und versieht sie mit dem Hashtag #wienliebe.

Die Sammlung im Netz ist mittlerweile ebenso groß wie großartig: Da sind Fotos von Plakaten („Die MEGA Tournee“ von „Dieter Bohlen und Band“ und direkt daneben eines der Stiftung Gralsbot-schaft: „Warum Gott das alles zulässt“), von 0,3-Liter-Ottakringer Dosen, die beim Bäcker neben dem Orangensaft stehen, von Sonnenuntergängen, bunten Blättern und der Alten Donau.

Nun hat die Stadtpolitik die #wienliebe entdeckt. Die Vizebürgermeisterin nutzt den Hashtag, wenn sie die neuen Bankerl auf der Rotenturmstraße probesitzt, die Nacht-S-Bahn anpreist oder die Wiener Linien besucht.

Der Bildungsstadtrat hat damit den Gratiskindergarten beworben und der Bürgermeister den neuen Bussiplatz eingeweiht. Und nicht nur das: #wienliebe bei der Eröffnung der Digital Days, #wienliebe am Nationalfeiertag, #wienliebe bei der Illuminierung des Christbaums vor dem Rathaus.

Dass Politiker und Politikerinnen diesen Hashtag für die Verbreitung ihrer politischen Botschaften gekapert haben, ist nicht nur unkreativ, sondern ruiniert die völlig unpolitische Liebeserklärung der Wienerinnen und Wiener an ihre Stadt.

#wirwollendiewienliebezurück

#rettetdiewienliebe

#freewienliebe