SALZBURGER FESTSPIELE 2021: PROBE "JEDERMANN"

© APA/BARBARA GINDL / BARBARA GINDL

Leitartikel
07/17/2021

Warum wir die Kultur so dringend brauchen wie schon lange nicht mehr

Mit dem „Jedermann“ in Salzburg beginnt der Kultursommer so richtig. Warum dieser heuer besonders wichtig ist.

von Georg Leyrer

Schon wieder geht es um den Tod, als ob da derzeit noch irgendjemand eine Zugabe bräuchte: Wenn in Salzburg erstmals der „Jedermann“-Ruf erklingt – am Samstagabend stand die runderneuerte Premiere auf dem Programm –, dann ist erst so richtig Festspielsommer. Und dann geht es, eigentlich gar nicht so sommerlich, um das Sterben.

Zwar watteverpackt in das klischeebeladendste Ammenmärchen der heimischen Theatergeschichte. In eine Kunstsprache ohne Raum und Zeit. Und emotional abgefedert dadurch, dass ja eigentlich heimlich eh alle nur schauen wollen, wie die Buhlschaft angezogen ist.

Dass man sich beim „Jedermann“ aber auch damit beschäftigt, dass es beim Sterben zu spät ist, um über das Leben nachzudenken, daran kommt man irgendwie auch nicht vorbei. Und das ist gut so. Denn in den kommenden Wochen gibt es, mal wieder, ein Zeitfenster, das die Kultur tunlichst nützen muss. Dafür, sich als entscheidender Faktor im menschlichen Zusammenleben in Erinnerung zu rufen.

SALZBURGER FESTSPIELE 2021: PROBE "JEDERMANN"

Als Ort, an dem man sich gesichert und geschützt mit all dem Überfluss an Welt beschäftigen kann, der uns zuletzt so bedrängte: mit den Fragen nach Freiheit und Zusammenhalt, mit den Fragen danach, was Leben und miteinander Leben ausmacht. Mit dem Sterben.

In den Pandemiemonaten hatte man gefühlt Wichtigeres zu tun. Gegen die Not, die Sorgen, die vielfachen Premieren des Noch-Nie-Erlebten aufgewogen erschienen vielen die Bretter, die sonst die Welt bedeuten, bedeutungslos.

Dieser Stempel der Nebensächlichkeit hängt der Kultur noch nach. Das erste Verordnungsopfer des Deltasommers war, mal wieder, eine Kulturveranstaltung: Das Frequency-Festival in St. Pölten wurde abgesagt.

Andere Kultur, nicht zuletzt jene, die näher dran ist am Ohr der Mächtigen, kann glücklicherweise weiterlaufen.

In die Erleichterung, vor vollen Rängen spielen zu können, mischt sich aber ein Fremdeln – mit der eigenen Rolle, mit den Umständen. Muss es heuer im Sommer angesichts dessen, was wir erlebt haben und erleben, besonders bedeutungsschwanger werden? Oder eben gerade nicht?

Dabei geht es gar nicht vorrangig um die kollektive Pandemiebewältigung durch Bühnentheater. Es gibt viele, viele gesellschaftliche Konflikte, die mit großem Eifer bestritten werden. Die Gesellschaft streitet derzeit inbrünstig und aufgescheucht über Sprache und Straßenbau und Klima und Abschiebungen – von jenen ideologischen Schützengräben aus, in denen man sich im Homeoffice vergraben hat.

Die Kultur aber kann etwas, das die Politik nicht kann: Über Mitgefühl Bewegung in die festgefahrenen Meinungen über unser Miteinander bringen. Deswegen brauchen wir sie, so dringend wie schon lange nicht.

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