Meinung
05/24/2020

Staatshilfe für die Psyche

In der Coronakrise ging vieles kaputt, nicht nur ein Teil der Wirtschaft. Das Hochfahren im Kopf wird leider genauso schwierig

von Gert Korentschnig

Die Krankheit Covid-19 schädigt den Körper, und zwar massiv. Sie schädigt die Wirtschaft. Und sie schädigt die Psyche. Wir haben es so gesehen mit einem 3-D-Virus zu tun, hochinfektiös.

Um die physisch schwer Erkrankten kümmert sich die Intensivmedizin. Um die getroffenen Unternehmen kümmert sich der Finanzminister, um die gekündigten Arbeitnehmer das AMS (ob beides in ausreichendem Maße, sei dahingestellt). Aber wer kümmert sich um die Symptome im psychischen, im atmosphärischen, im zwischenmenschlichen Bereich? Nicht nur Händewaschen ist wichtig, auch der Kopf braucht Hygiene. Sogar Staatshilfe, in Form positiver Botschaften und versöhnlicher Gesten. Von einem „Team Österreich“ ist diesbezüglich nämlich keine Rede mehr.

Viele Menschen haben nach wie vor große Angst, verlassen das Haus nur, wenn es sein muss, zögern, Restaurants zu besuchen oder ihren Mitmenschen unvoreingenommen zu begegnen. Das ist völlig verständlich, weil sie seit nunmehr zehn Wochen so gut wie täglich hören, dass sie Lebensretter sind, wenn sie niemanden treffen. Es braucht sich auch gar niemand zu wundern, dass etwa die Gastronomie nur ganz langsam wieder in Schwung kommt, wenn diese so oft als Hort der Infektion dargestellt wurde. Dank unzähliger Medientermine und Verordnungen hat die Regierung ein wesentliches Ziel erreicht, nämlich die Ausbreitung des Virus’ in den Griff zu kriegen. Dabei wurde jedoch, bestätigterweise sogar gewollt, Angst als Nebenwirkung implementiert. Und Angst essen bekanntlich Seele auf. Wie man das wieder in den Griff kriegt? Durch die Differenzierung von Vorsicht und Angst, auch verbal.

Was in der Coronakrise ebenso verschärft wurde: Der Konflikt zwischen Stadt und Land, der ja zuletzt schon bei Wahlen stets ersichtlich war. Wiener wurden (und werden) als Bedrohung für das gesündere Leben in den Regionen gesehen, als ignorante Wesen und potenzielle Krankheitsüberträger. Natürlich muss man die Lage in Wien im Auge behalten, freilich ist das in der Großstadt schwieriger als anderswo. Unterm Strich sind die Menschen in Wien um nichts besser als auf dem Land – aber auch um nichts schlechter.

Auch in dieser Hinsicht gilt: dringend das Miteinander suchen, auf beiden Seiten. Für ein solches Gegeneinander ist Österreich angesichts der heftigen Krise zu klein. Und ein Autokennzeichen macht noch keinen Menschen aus.

Irgendwann können wir dann hoffentlich auch wieder unvoreingenommen und neugierig über die Grenzen schauen. Nicht nur jene am Ende der Republik wurden geschlossen, sondern vielfach auch jene im Kopf.

Corona ist ein Anti-Globalisierungsvirus. Aber es darf niemals ein Pro-Provinzialisierungsvirus werden. Das nämlich haben wir selbst im Griff, unabhängig von Infektiologen.