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Meinung
06/15/2019

Sprachvorbild Bierlein

Wilhelmer schaut fern: Über den wohltuenden "ZiB2"-Auftritt einer Kanzlerin, die ohne antrainierte Satzgirlanden auskam.

von Philipp Wilhelmer

Würden parlamentarische Mehrheiten nach der Qualität der Fernsehauftritte vergeben – Brigitte Bierlein müsste ab Herbst die Absolute hinter sich vereinen. Wie die Übergangskanzlerin im „ZiB2“-Studio auftrat, war ungewohnt und wohltuend.

Da gab es keine leeren Satzgirlanden, die ihr die teuer bezahlten Berater in mühseligen Trainings beibrachten. Keine Opferrolle, keine aggressive Schuldzuweisung, kein Klein-Klein-Blabla-„Der hat zuerst…!“. 

Und die Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher kam wohl in die ungewohnte Situation, fast alle ihre Fragen angebracht zu haben, weil ihr Gegenüber knapp und präzise antwortete, statt die Redezeit dafür zu verwenden, über selbst zurechtgelegte Themen zu palavern. 

Wir sollten uns nicht allzu sehr daran gewöhnen, aber vielleicht haben die Spindoktoren ein Einsehen, vielleicht zeigen die Umfragen den Entscheidungsträgern ja plötzlich: Die Leute wollen das. Und die Berufspolitiker lernen wieder normale Sprache.