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Meinung
01/08/2020

Schlagabtausch USA-Iran: Die Büchse der Pandora bleibt offen

Auch wenn der US-Präsident keine neuen Militäraktionen ankündigte, bleibt der Konflikt heiß - weil Trump unberechenbar ist.

von Walter Friedl

It’s gonna be huge!“ Nach der Eskalation zwischen dem Iran und den USA bekommt einer der Lieblingssprüche des US-Präsidenten Donald Trump eine neue, beängstigende Bedeutung: Denn sollten es beide Seiten weiterhin mit der archaischen Zugangsweise Auge um Auge, Zahn um Zahn halten, droht der Mittlere Osten in Blut und Chaos zu versinken – auch wenn der US-Staatschef gestern ein wenig Druck aus dem Konflikt nahm.

Klar muss man aber sagen: Geöffnet hat Trump die Büchse der Pandora.

Die gezielte Tötung des iranischen Top-Generals Qassem Soleimani auf irakischem Boden musste eine Reaktion Teherans auslösen. Gewiss, der Militär war kein Guter, sondern Strippenzieher für iranische Machtspielchen in der Region und auch verantwortlich für zahlreiche Anschläge. In seiner Heimat genoss Soleimani Kultstatus, jetzt ist er zusätzlich Märtyrer. Mit dem Angriff auf zwei Militärlager im Zweistromland, in denen sich auch US-Soldaten befanden, ließ sich das Mullah-Regime nicht lange Zeit mit seiner gewaltsamen Reaktion.

Nach der bisherigen Kriegslogik der Kontrahenten wären nun wieder die USA dran gewesen. Genau das hatte Trump bei einem etwaigen Schlag Teherans angekündigt. Doch am Mittwoch gab er sich dann fast handzahm: Natürlich rechtfertigte er die Tötung Soleimanis und schoss Breitseiten gegen die Mullahs, kündigte aber vorerst keine weiteren Militäraktionen an. „Nur“ neue Sanktionen gegen das Regime.

Ist nun alles gut? Mitnichten! Dass der Mann im Weißen Haus keine Ahnung von der Region im Allgemeinen und dem Iran im Speziellen hat, bewies er zuvor. Da drohte er Teheran sogar mit der Vernichtung von historischen Kulturstätten. Eine völlig kranke Idee, die bei Umsetzung als Kriegsverbrechen zu ahnden wäre. Darüber hinaus ist es der Stolz über die eigene, Jahrtausende alte Kultur, die alle Perser/Iraner vereint/e. Schon die bisherige Politik Washingtons – Aufkündigung des internationalen Atomabkommens, scharfe Sanktionen – stärkte die Hardliner in Teheran. Die Protestbewegung gegen das Regime Ende des Vorjahres? Gleichsam weggebombt.

Was will Trump?

Die Gretchenfrage ist: Was will Trump? Wollte er mit seiner gezielten Tötung von seinem Amtsenthebungsverfahren, das in Washington gegen ihn läuft, ablenken? Das wäre nicht nur verwerflich, sondern auch riskant. Denn ein offener Krieg gegen den Iran hätte im Wahljahr unabsehbare Folgen.

Das größte Problem ist, dass Trump beratungsresistent ist, sich mit Jasagern umgibt und schlicht erratisch agiert. Ein Strategie im Mittleren Osten ist nicht erkennbar (Stichwort Syrien, Stichwort Irak, etc). Das macht den Oberkommandierenden der stärksten Streitmacht der Welt weiterhin so gefährlich. Denn schon morgen könnte er wieder den Finger auf den Abzug legen – und den befürchteten Albtraum auslösen.