Meinung
30.11.2018

Nur „Ausländer“ – oder doch Menschen?

Dass diese Frage gestellt werden kann, zeigt die Verirrungen der Debatte. Reden wir über echte Werte.

Österreich hat also nur ein Problem: Zu viele Ausländer. In der Debatte um die Mindestsicherung hat die Regierung diesen Eindruck wieder bestärkt. Und Bundeskanzler Sebastian Kurz hat dabei sogar den uralten Stehsatz der FPÖ-Propaganda übernommen: „Wir haben eine Zuwanderung ins System der Mindestsicherung“ sagt er, die FPÖ spricht seit Langem von der „Zuwanderung in unser Sozialsystem“.

In der Früh im Büro grüßt die Frau, die unseren Dreck weggeräumt hat, besonders freundlich – das liegt vielleicht am „Migrationshintergrund“, von dem jetzt ständig geredet werden muss. Die Mama wurde lange von Ausländerinnen gepflegt – nochmals vielen Dank für Hilfe und menschliche Wärme. Ein Spital, in dem alle Ärztinnen und Pflegerinnen zwischen Neusiedler See und Bodensee geboren wurden, wird man nicht finden. Fachkräfte fehlen und werden verstärkt im Ausland gesucht – hoffentlich kommen da keine Ausländer, zumindest ein deutscher Großvater wäre schon hilfreich...

Nun spricht gar nichts dagegen, immer wieder die Effizienz eines im internationalen Vergleich üppig ausgestatteten Sozialsystems zu überprüfen und zu korrigieren. Ganz im Gegenteil. Missbrauch gibt es, wo es Menschen gibt – Menschen, nicht Ausländer. Sozialmissbrauch muss bekämpft werden, auch, weil er zur Nachahmung führen kann, aber das gilt auch für andere Bereiche. Missbrauch betreiben ja nicht nur Arme, man hat schon von Ärzten gehört, die lieber ohne Rechnung das Stethoskop ansetzen, und von Handwerkern, die noch vor Besichtigung des zu reparierenden Schadens über Barzahlung sprechen.

Hass kennt keine Grenzen

Also reden wir über Werte, nicht über Abstammung. Und unter Werten sollte man mehr verstehen als die Verehrung von Bier und Schweinefleisch. Der Lebensstil von Asterix und Obelix, zu dem ja auch die Faust – und ein kräftiges Autsch – gehört, liegt lange vor der Aufklärung. Vernunft, Freiheit, Gleichheit und vor allem die Achtung der Menschenrechte sollten uns bewegen. Und da hilft es gar nichts, wenn wir bei allen Gedenktagen deutlich den Antisemitismus verurteilen und gleichzeitig andere Minderheiten ausgrenzen.

In dieser Woche haben wir bei einem KURIER-Gespräch mit Schlomo Hofmeister diskutiert, ob Juden wieder Angst haben müssten. Der Gemeinderabbiner erzählte von Begegnungen, die uns allen Angst machen müssen. Wenn er durch seine Kleidung und seinen Hut als Jude erkannt wird, wird er fallweise angespuckt, Ältere beschimpfen ihn aggressiv, von Jüngeren hat er schon gehört: „Dich haben sie vergessen.“

Gewalt beginnt mit Hass, und Hass beginnt mit Stigmatisierung. Nicht „die Ausländer“ missbrauchen das Sozialsystem, sondern Menschen verschiedener Herkunft. Wer gewisse Gruppen von Menschen ausgrenzt, wird den Hass bald nicht mehr stoppen können.

Die Message des Hasses kann niemand kontrollieren.