Digitales Nikotin: Sucht als Geschäftsmodell
Ein paar Videos von Katzen hier, einige Fotos von Menschen am Strand da. Dann scrollt man weiter. Im besten Fall harmlos, schlimmstenfalls süchtig machend. Dass Letzteres eine reale Gefahr ist, geht nun auch aus einem möglicherweise richtungsweisenden Gerichtsurteil in den USA hervor. Die Instagram- und Facebook-Mutter Meta und Google wurden dazu verurteilt, einer 20-jährigen Klägerin Millionen zu zahlen, weil sie ihre Dienste so gestaltet hätten, sie abhängig zu machen.
Dass diese Plattformen süchtig machen können, wurde bereits in zahlreichen Studien nahegelegt. Die Abhängigkeit ist aber nicht nur Nebenprodukt, sie ist das Geschäftsmodell. Bei den Giganten im Silicon Valley sitzen die besten IT-Entwicklerinnen und -Entwickler der Welt. Diese haben Zugriff auf unfassbare Rechenleistungen, deren oberstes Ziel es ist, Menschen auf ihren Plattformen zu halten. Der israelische Autor und Historiker Yuval Harari spitzte es so zu: Supercomputer, die auf unser aller Gehirne gerichtet sind, um uns zu manipulieren.
Hauptsache Werbung
Die Maschine nutzt unsere menschlichen Schwachstellen aus. Nicht nur psychisch instabile Personen oder Kinder sind betroffen. Es wird wohl kaum jemanden geben, der nicht schon mal beim Scrollen durch den Facebook- oder Instagram-Feed mehr Zeit verbracht hat als ursprünglich geplant. Ob die Inhalte, die uns festnageln sollen, positiv oder negativ sind, ob sie mit Fakten oder eher Fake News zu tun haben, ist den Algorithmen egal. Hauptsache, man erhöht die Verweildauer und maximiert so die Werbeeinnahmen. Da Wut und Angst uns nachweislich länger an den Bildschirm fesseln als Harmonie, wird auch die Spaltung der Gesellschaft zum Profitfaktor.
Das aktuelle Urteil wird die Konzerne jedenfalls nicht in die Knie zwingen. Metas Strafe von 4,2 Millionen Dollar ist für das Unternehmen überschaubar. In den nächsten fünf Jahren bekommen sechs Topmanager Bonuszahlungen von knapp einer Milliarde Dollar.
Was tun?
Die Macht, wirklich etwas zu tun, hätte die EU. Der vorgeschriebene Einblick in Algorithmen der Plattformen ist ein Anfang. Bis daraus aber konkrete Folgen hervorgehen, dürften Jahre verstreichen. Ein radikaler Ansatz wäre es, den Einsatz von Algorithmen bei der Zusammenstellung von Feeds generell zu verbieten und alles rein chronologisch auszuspielen. So wie es in den Anfangstagen von Twitter oder Facebook auch schon mal war.
Dass Meta im aktuellen Prozess versucht, den wissenschaftlichen Konsens zu Social-Media-Sucht infrage zu stellen, ist jedenfalls lächerlich. Aber „Doubt is our product“ („Zweifel ist unser Produkt“) haben schon die großen US-Tabakkonzerne 1969 in einem internen Memo über die erwiesene Nikotinsucht festgehalten.
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