Eine bescheidene, aber starke Stimme
Als der Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig vor wenigen Wochen nach der steigenden Zahl an Kindern mit islamischem Glaubensbekenntnis in den städtischen Schulen gefragt wurde, antwortete er mit einem unerwarteten Konter: Das liege auch daran, dass es immer weniger katholische Schüler gebe. Daher stelle sich die Frage, inwieweit es Kirchen gelinge, Mitglieder anzusprechen.
Das war zwar ein wenig unfair, aber es saß. Es existiert ja auch dieses latente Unbehagen unter den Christen, dass sie in Österreich bzw. in Europa langsam, aber konsequent vom Islam verdrängt werden. Es gibt allerdings nur wenige kirchliche Würdenträger, die diesen Wandel auch direkt ansprechen wollen.
Weihe von Erzbischof Josef Grünwidl
Michael Ludwig war am Samstag im Stephansdom einer der Messbesucher, die die Weihe von Erzbischof Josef Grünwidl verfolgten. Vielleicht zählte er dabei auch zu jenen, die mit dem neuen Oberhaupt der Erzdiözese Wien große Erwartungen verbinden. Den Samen dafür hat der Niederösterreicher vor wenigen Tagen ja selbst gelegt. Bei einer Pressekonferenz nannte er die drei ehemaligen Bischöfe Kardinal Franz König, Helmut Krätzl und Florian Kuntner als Vorbilder. Alle drei waren nur für die Erzdiözese Wien zuständig gewesen, hatten aber mit ihrem modernen und liberalen Stil die Kirche in ganz Österreich geprägt – und nicht nur die Kirche. Damals war der Stellenwert der Katholiken hierzulande noch ein ganz anderer.
Diese Zeit kann nicht mehr zurückgeholt werden. Aber vielleicht bekommt Österreich mit Josef Grünwidl einen Erzbischof, der zur Stimme der christlichen Kirchen wird. Da gab es in den vergangenen Jahren ein Vakuum, das etwa der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, nicht so richtig füllen wollte. Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach so einer Stimme, die die Positionen der Kirche mit klaren Worten benennt und auch vertritt. Ob nach innen oder nach außen. Auf jeden Fall selbstbewusst. Auch wenn es für Politik und Gesellschaft unangenehme Botschaften sind. Josef Grünwidl hat es bei einer Wallfahrt so formuliert: „Es gibt keinen Grund für christliche Minderwertigkeitskomplexe oder kirchliche Rückzugsgefechte.“ Man sei weiterhin wichtig.
Bescheiden, aber nicht kraftlos
Wer die Predigten und Wortmeldungen des neuen Erzbischofs verfolgt hat, kann erkennen, dass er seine Ansagen nicht spontan, sondern gut überlegt macht. Seine Auftritte wirken bescheiden, aber auf keinen Fall kraftlos. Sein Ziel ist es, dem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen – seien es die Gläubigen, die Priester, die Politik oder auch die anderen Religionsgemeinschaften. So kann auch eine eher leise Stimme als starke Stimme wahrgenommen werden. Als wichtiger Gegenpol zu den Polterern, die derzeit den öffentlichen Diskurs bestimmen wollen.
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