Partys mit Sexualstraftäter Epstein: Gar nicht königlich
Die immer neuen Enthüllungen rund um das widerwärtige Promi-Netzwerk des verstorbenen Milliardärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein bringt nicht nur Politiker und Wirtschaftsbosse in Bedrängnis – sondern zunehmend auch gekrönte Häupter. Längst dreht sich der Skandal nicht nur um den britischen (Ex-)Prinz Andrew, der sogar die an sich skandalerprobten Windsors
erschütterte. Schwedens Prinzessin Sofia findet sich in den Akten ebenso wie Belgiens Prinz Laurent, Spuren führen auch zu den Habsburgern. In grober Erklärungsnot ist das norwegische Königshaus – seit klar ist, dass Kronprinzessin Mette-Marit mit ihrem „verrückten Freund“ (O-Ton) nicht nur über Seitensprünge in Paris chattete, sondern sogar im skandalumwitterten Epstein-Anwesen gastierte. Die Enthüllung kam wenige Tage bevor sich Mette-Marits Sohn in 38 Anklagepunkten vor Gericht verantworten muss, darunter wegen Vergewaltigung. Royale Beobachter sehen die Osloer Königsfamilie im freien Fall; dass die Monarchie daran zerbricht, will mancher nicht mehr ausschließen.
Weshalb der royale Umgang mit Epstein für einen derartigen Aufschrei sorgt – und für die europäischen Königsfamilien noch folgenschwerer sein könnte als für manchen Politiker? Weil der Skandal sie ihrer letzten noch verbliebenen Existenzberechtigung berauben könnte.
Die große Ära der Monarchen ist in Europa spätestens seit den Weltkriegen zu Ende – vorbei die Zeit, in der einige wenige Familien den Kontinent unter sich aufteilten, Heere mit einem Wink aufs Schlachtfeld schickten und Länder mittels Heiratspolitik aneinanderbanden. Die verbliebenen Monarchien sind repräsentativ-konstitutioneller Natur, finanziert durch Steuergeld; die politische Macht hat sich zu Vertretern in Regierungen und Parlamenten verschoben.
Die Bedeutung der Königshäuser hat sich gewandelt, sie ist aber geblieben: Sie prägen Identität und Selbstbild ganzer Nationen; sie können Identifikationsfigur und moralisches Vorbild sein; sie befriedigen das Bedürfnis nach Glanz und Glamour, nach Tradition und Stabilität, müssen keine Wahlen schlagen; sie können ermahnen und ermutigen; karitativ tätig sein und ein (touristischer) Wirtschaftsfaktor sind sie nebenbei. Selbst mit ihren Hoppalas und kleinen Fehltritten, die die Klatschpresse nähren, erfüllen sie eine Funktion: Sie zeigen, dass auch „die da oben“ nicht vor allzu Menschlichem gefeit sind. So machen sie sich mit uns auf heilsame Weise gemein.
Der Epstein-Skandal lässt all das erodieren. Er enthüllt die verkommene Seite einer Aristokratie (aus dem Altgriechischen: die Vornehmsten), die von der Macht korrumpiert wurde. Gerade jetzt, in weltpolitisch turbulenten Zeiten, in denen ein weiser König (oder eine Königin) ein wohltuendes Gegengewicht zu erratisch agierenden gewählten Staatenlenkern sein könnte, ist das besonders schmerzhaft.
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