Ich bin ein Star, holt mich hier rein
Der Opernball hat durchaus einiges gemein mit dem „Dschungelcamp“: lustige Moderatoren, harte Prüfungen, tiefe Einblicke, hohe Einschaltziffern. Das Essen ist allerdings viel bekömmlicher am Opernring, und die meisten Kleider sind es auch. Gute Fernsehunterhaltung über Stunden hinweg für Zuseher, die daheim genauso witzeln wie die erstklassigen Ball-Kommentatoren Karl Hohenlohe und Christoph Wagner-Trenkwitz.
So zynisch es klingen mag, die beiden Fernsehformate überhaupt in einem Atemzug zu nennen, so ernst ist der Hintergrund. Das „Dschungelcamp“ sagt viel über öffentliche Wahrnehmung aus, über (Vor-)Verurteilung, über das Gieren nach Aufmerksamkeit. Und auch der Opernball ist traditionellerweise ein Spiegel der jeweiligen Zeit. Sagt jemand, der sich die RTL-Übertragung aus Australien amüsiert anschaut und auch die Opernball-Sendung aus Austria jedes Jahr als Programm-Highlight empfindet. Weniges eignet sich besser für Wohnzimmer-Psychologie.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Wiederaufbau des Opernhauses, also ab 1956, als der Opernball der Neuzeit erstmals stattfand, stand das gesellschaftliche Ereignis sinnbildlich für eine wieder unabhängige Nation, die um ihr Selbstbewusstsein rang. Und die der internationalen Staatengemeinschaft ihr neues (und altes) Gesicht zeigen wollte: Österreich als Vermittler zwischen den Blöcken, ein Land, das zu feiern weiß, selbst wenn der Zylinder brennt, ein diplomatischer Treffpunkt, bei dem sogar politische Widersacher Probleme wegtrinken und -tanzen. Lieber Augen zu als genau hinschauen.
Später, auf dem Höhepunkt der Ballgeschichte, ging das Konzept voll auf – so sehr, dass das „Fest der Eliten“ beschimpft und dagegen demonstriert wurde.
Dann kam Lugner und ersetzte die abwesende Aristokratie durch eingekaufte Stars, manche hochkarätig. Selbstverständlich wurde im sarkastischen Wien über den Baumeister geätzt. Um ihn bei und nach seinem Tod zu beweinen: Der hat halt noch Gäste gebracht … Diese entsetzliche Lücke versuchen neue Figuren zu füllen, ebenfalls mit „star rental“. Aber auch ihre Einladungspolitik ist typisch für unsere sozialmediale Zeit, in der sich alles um Likes dreht. Das Parkett ist ihre Plattform.
Früher einmal ragte der Opernball heraus aus der Welt. Nun wird er langsam eins mit ihr. Ist er oberflächlicher geworden? Bestimmt. Ist er weiterhin wichtig? Definitiv. Gibt es in diesem Jahr wieder mehr Sterne in der Oper? Das müssen die Zuseher herausfinden. Die wahren Größen halten sich jedenfalls am Opernball weiterhin im Hintergrund. Sehen wird man in erster Linie jene, die auch schon im Dschungel waren. Und hoffentlich viele Künstler, deren Zuhause die Oper ist. PS: Die Eröffnungssänger Pretty Yende und Benjamin Bernheim sind echte Stars.
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