Brandgefährliche US-Strategie
Selbstverständlich wird dieser 3. Jänner 2026 als markanter Einschnitt in die Geschichte eingehen. Die US-Administration unter Donald Trump öffnete durch die gewaltsame Gefangennahme des (demokratisch illegitimen) Präsidenten Nicolás Maduro aus Venezuela nicht einfach ein neues Kapitel, sondern beginnt ein neues Buch zu schreiben: „America First“ als Anspruch, mit militärischer Macht Fakten zu schaffen.
Zur Stunde ist aber nicht erkennbar, wie Washington durch die Gefangennahme Maduros jetzt Venezuela übernehmen will. Um Demokratie geht es Trump ganz offensichtlich nicht. Maduros Vizepräsidentin Delcy Rodríguez hat die Amtsgeschäfte übernommen. Soll die jetzt auch entführt werden?
Klar ist dafür das Interesse Trumps an dem südamerikanischen Staat: Einerseits sind es Venezuelas gigantische 303 Milliarden Barrel an dickflüssigen Ölreserven, die in den vergleichsweise nahen texanischen Raffinerien vergoldet werden sollen. Noch mehr geht es um China, das sich seit 25 Jahren in Südamerika jedes Jahr ein Stück mehr Einfluss, Zugang zu Rohstoffen und Abhängigkeiten besorgt hat. China soll also zurückgedrängt werden aus Südamerika, dem einstigen Hinterhof der USA, der Washington seit 2001 durch den Fokus auf den „War on Terror“ abhandengekommen war. „America First“ meint also Einfluss, Zugang zu Rohstoffen und Abhängigkeiten.
Wer jedoch so offen das Recht durch Macht ersetzt, senkt weltweit die Hemmschwelle für jene, die ihrerseits (physische) Grenzen verschieben wollen. Denkt man diese Politik des Rechts des Stärkeren zu Ende, wird es richtig unangenehm. Holt sich Trump als Nächstes die linken Regime in Kuba und Nicaragua und dann Grönland? Warum soll China jetzt nicht in Taiwan einfallen? Und warum sollte Putin nicht noch weitere Länder angreifen?
Und Europa? Europa spricht vom internationalen Völkerrecht, von Deeskalation, von Multilateralismus und der UN-Charta – und hat damit formal und moralisch recht. Darauf müssen wir weiter beharren, wenn die Welt nicht wie zuletzt vor 80 Jahren überall zu brennen beginnen soll. Doch während China Häfen, Netze, Minen und Kreditlinien auch in Südamerika baut, debattiert Europa über Werte, ohne die materiellen Hebel zu liefern, die Werte auch in Einfluss übersetzen. Stichwort Mercosur – die EU feilscht seit 25 Jahren mit Südamerika über ein Handelsabkommen und übersieht, dass China dort längst zum wichtigsten Handelspartner geworden ist.
Wir Europäer müssen uns aber nüchtern fragen, was „regelbasierte Ordnung“ bedeutet, wenn ein Verbündeter demonstrativ zeigt, dass Regeln optional sind. Die Regeln aber haben uns allen Wohlstand und Frieden gebracht. Deshalb ist Trumps „America First“ so brandgefährlich.
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