Andrew, der Letzte
So gut wie jeder im Vereinigten Königreich wusste, dass Andrew Mountbatten-Windsor (der ehemalige Prinz) tief in den Skandal um den Mädchenhändler Jeffrey Epstein verstrickt ist. Es war common knowledge in England und darüber hinaus, dass sich Andrew junge Mädchen schicken ließ und dass es zu Missbrauch und Vergewaltigungen gekommen sein soll. Und ein paar werden sich noch daran erinnern, dass die Hauptanklägerin Virginia Giuffre, die sich vor knapp einem Jahr das Leben nahm, mit zwölf Millionen Pfund zum Schweigen gebracht werden sollte. Mehr als 2,3 Millionen davon stammten direkt von Elizabeth II., die Andrew stets als ihren Lieblingssohn betrachtet und geschützt hatte.
Dass er nun, exakt an seinem 66. Geburtstag, festgenommen wurde, war dennoch eine Überraschung. Als Vehikel dafür diente eine Passage aus den jüngst veröffentlichten Files, wonach er illegal Papiere an Epstein weitergegeben habe – während er als Handelsbeauftragter ein öffentliches Amt bekleidete. Das ist ein klares Fehlverhalten, wenn auch lächerlich im Vergleich zu dem, was er den Opfern angetan hat. Aber auch den berüchtigten Gangster Al Capone hat man letztlich wegen Steuerhinterziehung drangekriegt.
Die Festnahme des mutmaßlichen Täters (im Zusammenhang mit den Missbräuchen gälte hier zumindest die moralische Schuldsvermutung) ist ein wichtiges Signal, dass die britische Polizei auch vor Royals und Ehemaligen nicht einknickt. Sie zeigt aber auch, wie groß der Druck im UK bereits war. King Charles III. wurde zuletzt mehrfach bei harmlosen Besuchen irgendwelcher Einrichtungen (einer seiner Hauptjobs) auf Andrew angesprochen. Dass er der Polizei seine Unterstützung zusagte, ist ein ethisches Muss und gleichzeitig ein Versuch, das Königshaus zu retten, falls es überhaupt noch rettbar ist.
Wenn die Monarchie einen Vorzug hat, dann – neben der folkloristischen Komponente – jenen, dass sich gekrönte Häupter keinen Wahlen stellen müssen (das gibt’s sonst nur in Diktaturen, aber das nur nebenbei), dass Populismus also nicht systemimmanent ist. Dafür werden die Royals strenger als andere an moralischen Maßstäben gemessen, auch vom Boulevard. Andrew, dem bei einer Anklage lebenslange Haft droht, bringt daher die britische Monarchie in die Rue de la Gack (pardon my french).
Ein Ex-Prinz vor Gericht könnte aber auch der Henkel dafür sein, dass die Epstein-Files, die voller Widerwärtigkeiten sind, noch fassbarer werden und nun schonungslos juristisch aufgearbeitet werden. Alles auf den Tisch, alle an strafbaren Handlungen Beteiligten vor den Richter – das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Das System Epstein muss vollständig implodieren. Nur dem Pseudo-König im Weißen Haus wird wohl wieder nix passieren.
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