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Leitartikel
07/20/2021

Jedermann zur Impfung

Die Salzburger Festspiele sind mit dem Coronafall beim „Jedermann“ nicht Täter, sondern Aufklärer und der Politik voraus.

von Gert Korentschnig

Hat allen Ernstes jemand gedacht, dass es unter den weit mehr als 100.000 Besuchern der Salzburger Festspiele 2021 keinen einzigen positiven Coronafall geben würde? Na also. Man muss sogar froh sein, dass die Person nach der „Jedermann“-Premiere ausfindig gemacht wurde. Denn wer lässt sich heute schon testen, wenn er zweimal geimpft ist? Auch diesbezüglich wähnen sich viele Menschen in falscher Sicherheit.

Die Salzburger Festspiele sind also, noch ehe sie richtig begonnen haben, gezwungen, auf die Bremse zu steigen. Ab sofort muss jeder im Publikum eine FFP2-Maske tragen (wie fortan übrigens auch in Wien). Warum war das bisher nicht der Fall? Weil die Bestimmungen der Bundesregierung einen Theaterbesuch ohne Maske möglich machen. Natürlich hätten die Festspiele die Maskenpflicht im Alleingang aufrecht erhalten können – aber wer hätte sich ohne rechtliche Basis daran gehalten? Daher ist also ganz klar: Die Festspiele trifft keine Schuld. Im Gegenteil: Ihr Sicherheitspaket macht es erst möglich, dass Kontaktpersonen präzise nachverfolgt werden können.

Der Autor dieser Zeilen saß bei der besagten „Jedermann“-Aufführung im Großen Festspielhaus (übrigens mit Maske, allein schon, weil die ihm nicht bekannte Dame rechts auch eine trug, man will einander ja schützen). Und er kann berichten: Das Salzburger Konzept ist ausgereift. Man bekommt seine Karte nur, wenn man sie vorab im Internet personalisiert und dann auf dem Handy speichert oder ausdruckt. Man muss bei dieser Personalisierung seine Telefonnummer bekannt geben. Und beim Betreten des Festspielhauses wird der 3-G-Nachweis (im Gegensatz zu vielen Restaurants) tatsächlich kontrolliert und der Name auf dem Ticket mit einem Ausweis abgeglichen. Von Leichtsinn (wie möglicherweise beim Nachtlokal in Kaprun mit 50 Infizierten) kann also keine Rede sein. Spöttisch auf die Salzburger Festspiele zu zeigen, die schon im vergangenen Jahr Vorkämpfer für gesicherte Öffnungen waren, ist also fehl am Platz.

Was der Fall beim Spiel vom Sterben des reichen Mannes allerdings zeigt, ist, dass die Bundesregierung in ihrer (verständlichen und nicht ganz unpopulären/populistischen) Sehnsucht nach sommerlicher Normalität möglicherweise zu früh zu weit gegangen ist; dass sich die Krise zwar einem Ende nähert, aber noch die eine oder andere Variante durchmachen wird; dass es wichtig war, dass der infizierte Festspielbesucher geimpft ist; dass auch in Salzburg passieren kann, was man beim (abgesagten) Frequency Festival befürchtet hatte; und dass die Kultur wie so oft ein Gradmesser für Fehleinschätzungen und der Politik voraus ist. Wer weiß, vielleicht muss die Kunst sogar bald dafür herhalten, Menschen sanft zum Impfen zu verpflichten.

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