Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/21/2020

Ist das alles notwendig?

Spätestens zu Jahresende werden wir mehr über das Virus wissen. Und über uns.

von Martina Salomon

Unsere Welt steht fast still. Grundrechte wurden gravierend eingeschränkt, und innerhalb von nur einer Woche haben wir 100.000 neue Arbeitslose – plus Tausende in Kurzarbeit. Staatliche Milliarden-Hilfspakete sind die Folge. Und wer jetzt ein Gesundheitsproblem hat, ist arm dran – nur die notwendigsten Behandlungen werden durchgeführt.

Ist das noch verhältnismäßig, fragen uns immer mehr Leser. Die Frage ist berechtigt, auch internationale Experten sind hier uneins.

Die nicht sehr befriedigende Antwort lautet: Das wissen wir leider erst im Rückblick, daher bereiten wir uns zu Recht auf den allerschlimmsten Fall vor.

 

Weil niemand genau sagen kann, wie sich dieses neue SARS-Virus, das leider auch auf den Menschen übertragen wurde, verhält. Man weiß nicht einmal genau, ob und wie lange Infizierte (ein großer Teil bemerkt es nicht einmal) immunisiert sind.

Die Krise ist zumindest in Österreich nicht dadurch verursacht, dass so viele Corona-Patienten die Intensivstationen der Spitäler blockieren, sondern dass schon ein einzelner infizierter Angestellter eine ganze Abteilung lahmlegt. Gäbe es die Möglichkeit, sollte man (wie es ein italienisches Dorf erfolgreich gemacht hat) die Bevölkerung flächendeckend testen. Derzeit muss man dafür Symptome haben.

Die Maßnahmen der Regierung dienen dazu, den ersten, errechneten „Peak“ an Erkrankten abzuflachen, um keine italienischen Verhältnisse zu kriegen. Wobei man zur Beruhigung sagen kann: Italien hat weniger Intensivbetten als Österreich. Wir haben früher gehandelt und davor gewarnt, Kinder bei den Großeltern abzugeben. Es wird bald einen Schnelltest, hoffentlich neue Medikamente und nächstes Jahr vielleicht eine Impfung geben. Und ab einem bestimmten „Durchseuchungsgrad“ gibt es weniger Neu-Infizierte und weniger Erkrankte (was nicht dasselbe ist). Warum sich das Virus gerade von Tirol aus so stark ausgebreitet hat, werden wir später einmal auch noch genauer zu besprechen haben.

Nach Ostern werden die drakonischen Einschränkungen wahrscheinlich gelockert, aber auch das ist nicht leicht. Wenn jetzt zum Beispiel alle Bau- und Blumenmärkte öffnen, gibt es einen Ansturm = neue Ansteckungen. Dass die Bundesgärten geschlossen sind, ist vielleicht nicht das Allerschlaueste. Ein Spaziergang – ohne Zusammenrottungen! – ist für das Immunsystem wichtig und beugt dem Lagerkoller vor. In so einer Krise zeigt sich die (Nicht-)Elastizität der Bürokratie, die (Nicht-)Digitalisierung der Schulen und auch der (Nicht-)Gemeinschaftssinn einer Gesellschaft. Da gibt es momentan viele gute und auch ein paar schlechte Beispiele. Hoffen wir zum Beispiel, dass Firmen das Staatsgeld nicht nutzen, um Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. Spätestens zu Jahresende werden wir mehr über das Virus wissen. Und über uns.