Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/09/2020

Inszenierte Wirklichkeit

Man nimmt etwas erst wahr, wenn es in der medialen Wirklichkeit angekommen ist: Das war das Kalkül von Präsident Erdogan

von Martina Salomon

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Und wann nehmen wir etwas „im Labyrinth der menschlichen Kommunikation“ (Paul Watzlawick) wahr? Dann, wenn es in der medialen Welt angekommen ist. Das haben die vergangenen Tage gezeigt.

Zum Beispiel die Situation der Migranten und Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze. Sie ist schon seit Jahren entsetzlich, aber jetzt hat der türkische Präsident diese Menschen benutzt, um Europa zum Handeln (sprich Zahlen) zu zwingen. Die üblichen Reflexe setzten bei uns ein: „Grenzen dicht“ versus „Verpflichtung zur humanitären Hilfe“. Aber warum haben jene, die jetzt in Demos und politischen Aufrufen fordern, neue Asylplätze und Kontingente für Frauen und Kinder zu schaffen, dies nicht schon in den vergangenen fünf Jahren ebenso vehement verlangt? Nur weil das Fernsehen zeigt, was man bisher verdrängte?

Eine seltsame Wirklichkeit hat gleichzeitig das Coronavirus erzeugt. Was, wenn wir ohne Einschränkung so weiterleben wie bisher, wo doch von anderen Bereichen (Straßenverkehr, Lebensstil) viel größere Gefahren ausgehen? Leser werfen den Medien eine Verzerrung der Wirklichkeit, sprich Panikmache, vor.

Aber verschwindet dieser beispiellose Ausnahmezustand, wenn wir nicht mehr darüber berichten?

Die Perspektive ändert sich außerdem schlagartig, sobald man selbst betroffen ist, weil die Kinder nicht mehr in die Schule gehen dürfen, die Firma Kurzarbeit anmeldet und die gebuchte Urlaubsreise nicht angetreten werden kann. Aus der Sicht des Einzelnen sind die Vorsichtsmaßnahmen übertrieben. Aber in Wahrheit geht es darum, ein Virus zum Verschwinden zu bringen, bevor es wie die Grippe für immer zum Begleiter der Menschheit wird, womöglich in gefährlicheren Mutationen als jetzt. In Österreich wird die Zahl der Fälle steigen, niemand weiß, wann der Höhepunkt erreicht ist.

Es hätte genügt, wenn sich vergangene Woche die zwei zuständigen Minister –Rudolf Anschober (Gesundheit) und Karl Nehammer (Zivilschutz) in einer Pressekonferenz dazu geäußert hätten. Dass man zu dritt samt Kanzler vor die Medien trat, wirkte übertrieben, wie es ein hoher ÖVP-Mitarbeiter in einem (gefälschten?) Tweet kritisierte. Dadurch wurde plötzlich ein kleiner Riss sichtbar in der makellosen türkisen Inszenierung, der sich auch die Grünen angepasst haben.

Ob dieses Schauspiel die vollkommen gegensätzliche Weltanschauung der beiden Koalitionspartner eine ganze Legislaturperiode überdecken kann, ist durchaus fraglich. Wie lange werden sich außerdem die Grünen in der „Gegenwirklichkeit“ Twitter für ihren Spagat noch prügeln lassen, ohne nervös zu werden? In Wirklichkeit ist die Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation beziehungsweise einfach eine Frage der Perspektive.