Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
08/27/2020

Gefährliche neue Trägheit

Im jetzigen Ausnahmezustand dürfen wir uns nicht wohlig einrichten. Eine dauerhafte Hängematte bringt den Wohlfahrtsstaat um

von Martina Salomon

Die Coronakrise hat die Gesellschaft in einen „kollektiv verordneten Vorruhestand“ versetzt, wie der deutsche Psychologe und Sachbuchautor Stephan Grünewald Ende April in einem Interview mit dem Sender NDR ätzte. Nun neigt sich der Sommer dem Ende zu und der Zustand ist prolongiert. Die Kurzarbeitsmodelle werden gerade verlängert – in Deutschland voraussichtlich bis Ende 2021, in Österreich vorerst bis Ende März. Kurzfristig ist so ein Modell gut, langfristig aber problematisch, ganz abgesehen davon, dass es in gar nicht so wenigen Firmen auch missbraucht wurde. Vielerorts ist nach der großen digitalen Aufrüstung, um flächendeckendes Homeoffice zu ermöglichen, Trägheit eingekehrt. Wirtschaftstreibende berichten, wie schwer es ist, Mitarbeiter in die Firma zurückzuholen.

Ja, wir wissen jetzt, dass ein überraschend großer Teil der Arbeit von zu Hause aus erledigt werden kann. Aber kreative Prozesse oder Kraftanstrengungen für ein Sonderprojekt schafft man besser gemeinsam vor Ort. Außerdem besteht bei dauerhaftem Homeoffice wechselseitige Abkoppelungsgefahr. Weil aber selbst Deutschland die Schuldenbremse abgeschafft hat, wird erwartet, dass schon alle mit Milliarden auf Kredit aufgefangen werden – auch jene, die vielleicht dem natürlichen Strukturwandel zum Opfer fallen würden. Natürlich muss man sich darum kümmern, dass zum Beispiel Unternehmen, die vom Stadt-, Event- oder Kongresstourismus abhängen, durch den verordneten Stillstand nicht Pleite gehen. Und viele verlieren unverschuldet ihren Job. Aber etliche haben es sich im jetzigen Ausnahmezustand wohlig eingerichtet. Eine dauerhafte Hängematte bringt jedoch jeden Wohlfahrtsstaat um.

Die enorm gestiegene Arbeitslosigkeit hat nicht einmal zu einer Entspannung bei der Mitarbeitersuche geführt, wie Personalisten berichten. Aber wie lange noch werden sich alle auf die Coronakrise ausreden können? Und ab wann gibt es Sparmaßnahmen, etwa eine Aussetzung der nächsten Pensionserhöhung? Das wagt die Regierung nicht, zu unpopulär. Man weiß schließlich eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, die in ihren Schrebergärten über das junge Partyvolk schimpft, gern allen und überall eine Maske verordnen und Reisen in andere Länder verbieten würde.

Der Staat gibt ohnehin vor, was zu tun ist (was manchmal allerdings auch in Chaos und Schikane endet, wie Samstagabend an der Kärntner Grenze). In Berlin wurde gerade eine für das Wochenende geplante Demo gegen Corona-Maßnahmen verboten. Aus Angst vor Zusammenstößen und der Befürchtung, Abstandsregeln würden verletzt. Egal, wie man zu den teils obskuren Veranstaltern steht, aber das geht zu weit. Das Virus richtet nicht nur wirtschaftliche Verheerungen an und macht lasch, es gefährdet auch unsere Grundrechte.

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