Zum Fall Taschner: Gute wissenschaftliche Praxis statt inhaltlicher Bevormundung
Die Freiheit der Wissenschaften und die vielfältigen Versuche ihrer Einschränkungen schlagen zurzeit hohe publizistische Wellen in Wien. Dafür sind zwei Ereignisse verantwortlich. Zum einen ist es die Absage der Verleihung des Goldenen Doktordiploms an den Mathematiker Prof. Rudolf Taschner durch die Universität Wien aufgrund seiner Äußerungen zum Klimawandel und zur Förderungswürdigkeit bestimmter Forschungsvorhaben. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit schrieb dazu: „Diese Positionen zum Anlass zu nehmen, eine Ehrung zurückzunehmen, sendet das eindeutige Signal an die Wissenschaftsgemeinschaft und insbesondere den Nachwuchs aus, dass jedem, der sie vertritt, der nachhaltige Ausschluss aus der Gemeinschaft und die umfassende Ächtung droht. So wird der wissenschaftliche Diskurs verkürzt, bestimmte wissenschaftliche und ideologische Positionen werden als sakrosankt ausgezeichnet und gegen Kritik immunisiert. Mit dem Prinzip der Wissenschaftsfreiheit und des Meinungspluralismus ist dieses Verhalten unvereinbar.“
Susanne Schröter.
Just dieses Netzwerk hat offenbar eine weitere Erregungswelle verursacht. Es wird am 12. Mai in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den Preis für Wissenschaftsfreiheit verleihen. Das Netzwerk wurde 2020 gegründet, um repressive und wissenschaftsfeindliche Tendenzen innerhalb des Wissenschaftssystems zu thematisieren und bedrohten Kollegen zur Seite zu stehen.
Es ist eine Initiative, die manchen zunächst erstaunen mag, da gemeinhin von den Wissenschaften angenommen wird, dass sie Refugien der Freiheit sind und dass die Tätigkeiten von Forschern zwar den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis, nicht aber inhaltlicher Bevormundung unterliegen. Was die inneruniversitären Debatten betrifft, so glaubt man an die Wirksamkeit des auf den Philosophen Jürgen Habermas zurückgehenden Diktums vom zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Wissenschaftler sollen sich, so das Ideal, in einer herrschaftsfreien Situation begegnen und ihre Thesen denjenigen zur Diskussionen präsentieren, die die Welt mit anderen Augen sehen – stets mit der Gewissheit, dass der andere auch recht haben könnte.
Natürlich sind diese hehren Prinzipien in vielen Teilen der Welt nicht existent. In autoritären Gesellschaften wird die Wissenschaftsfreiheit einem staatlichen Kalkül unterworfen, Forschung wird zensiert und Forscher werden reglementiert. Wir kennen das aus China, Russland oder aus dem Iran. In westlichen Staaten hingegen ist die Freiheit der Wissenschaften ein Grundrecht, das in den Verfassungen festgeschrieben ist. Deshalb erhalten diese bei internationalen Rankings, mit denen die Wissenschaftsfreiheit gemessen wird, gewöhnlich Bestnoten.
Ins Rutschen geraten
Trotz dieses positiven Befundes ist auch im Westen in den vergangenen Jahren einiges ins Rutschen geraten. Mit Ausnahme der USA erfolgen die Einschränkungen allerdings nicht von Seiten des Staates, sondern sie kommen aus dem Wissenschaftssystem selbst. Der Grund ist eine zunehmende Politisierung der Wissenschaft durch aktivistische Professoren und Studenten. Sie hängen einer Ideologie an, die sich postkoloniale Theorie nennt und mittlerweile in vielen Geistes- und Sozialwissenschaften im Besitz der Deutungshoheit ist. Sie zeichnet das Zerrbild eines patriarchalischen und „strukturell rassistischen“ Westens, dem alle Übel der Welt – von Kriegen über Armut bis zur Umweltzerstörung – zugeschrieben werden. Auf der Seite der Opfer dieses Westens stehen Menschen im sogenannten „globalen Süden“ sowie Frauen, Migranten, Muslime, Transpersonen und andere Minderheiten. Die postkoloniale Wissenschaft versteht sich als Stellvertreter und Sprachrohr dieser Opfergruppen und ist sehr erfolgreich darin, Stimmen zum Verstummen zu bringen, die das eindimensionale Bild infrage stellen. Wer zu Islamismus forscht, wird als islamfeindlich abgekanzelt, wer Problem der Einwanderungsgesellschaft kritisiert, gilt als rassistisch, wer nicht daran glaubt, dass Geschlecht allein das Ergebnis eines Sprechaktes ist, wird als transphob denunziert. Wer den selbsternannten akademischen Moralwächtern in die Quere kommt, wird gecancelt und mit Rufmordkampagnen eingeschüchtert. Vorträge werden abgesagt, Forschungsgelder gestrichen, Arbeitsverträge gekündigt oder nicht mehr verlängert, Karrieren zerstört.
Gegen diesen Furor haben sich 730 Hochschullehrer im deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen. Zu ihren Aktivitäten gehört die Vergabe eines Preises an Wissenschaftler, die sich für die Wissenschaftsfreiheit einsetzen. In diesem Jahr wird Privatdozent Dr. Alexander Bogner aus Wien ausgezeichnet. Er hat sich inner- und außerhalb der Universitäten gegen den anti-akademischen Populismus gewandt und sich als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie für israelische Kollegen eingesetzt, die in besonderer Weise von wissenschaftsfeindlichen Einschränkungen betroffen sind. Er bewies damit nicht nur Zivilcourage, sondern stieß auch eine notwendige akademische Debatte an.
Zur Autorin:
Susanne Schröter ist emeritierte Professorin für Ethnologie in Frankfurt; Gründungsmitglied Netzwerk Wissenschaftsfreiheit. Die öffentliche Preisverleihung für Alexander Bogner findet am 12.5. um 18.30 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften statt. Konrad Paul Liessmann hält die Festrede.
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