Wir brauchen Gas für die Energiewende
Rohre einer Verdichteranlage über einem Gasspeicher.
Kältewelle, Gaspreise, Speicherstände. Gas ist wieder präsent in den Köpfen. Und das zu Recht. Wir brauchen Gas und werden es noch länger brauchen. Nicht, um die Energiewende zu bremsen, sondern um sie zu schaffen. Vieles geht heute noch nicht ohne Gas – dem müssen wir uns stellen. Denn steckt der Kopf im Sand, ist Stillstand garantiert.
Klar müssen wir weg vom Gas. Aber das Tempo muss sich an der technologischen und wirtschaftlichen Realität orientieren, nicht an der moralischen Utopie. In 24 Jahren ist vieles möglich, das Ziel der europäischen Klimaneutralität im Jahr 2050 ist ambitioniert, aber mit den richtigen Maßnahmen machbar. Ein verfrühter Gasausstieg wäre allerdings nicht hilfreich. Im Gegenteil: Er würde zu rascher Deindustrialisierung des Kontinents führen. Gaseinsatz und CO2-Ausstoß würde in andere Weltregionen verlagert, wo mehr CO2 emittiert wird. Dem Klima wäre nicht geholfen. Aber Europa würde an Wohlstand verlieren. Und zwar drastisch.
Christian Tesch.
Industrielle Prozesse
Traditionell denkt man bei Gas ans Heizen, an Raumwärme. Der Bereich, der vergleichsweise einfach auf Gas verzichten kann. Und es auch zunehmend tut. Mit Fern-und Nahwärme, Wärmepumpen, Geothermie, Pellets usw. stehen Alternativen zur Verfügung. Machbar und leistbar. Ganz anders ist es bei industriellen Prozessen. Da reden wir nicht von angenehmen 22 Grad, sondern von richtig heißen 1.500 Grad und mehr. Da gibt es (noch) nicht viele Alternativen. Grüner Wasserstoff ist eine, aber da ist er noch nicht. Da scheitert die EU krachend an ihrem eigenen Ziel für 2030.
Ein zweiter Bereich, für den wir Gas noch brauchen: Stromproduktion in schwierigen Zeiten. Jedenfalls wenn man Atomkraft nicht will und Kohle schon gar nicht. Strom aus Sonne und Wind hätten wir genug, aber nicht immer dann, wenn wir ihn brauchen. Saisonale Speicherung funktioniert noch nicht. Denken wir nur an die letzten Wochen: kaum Sonne, wenig Wind, niedrige Flüsse. Aber hoher Strombedarf, zum Beispiel für gasfreie Heizungen. Ohne Gas wäre es aktuell schnell kalt und finster. Und auch E-Autos würden still stehen.
Hinzu kommt: Der Gaspreis diktiert den Strompreis. Wir erleben es gerade. Unsere Stromversorgung ist ohne fossiles Gas (noch) nicht möglich – wird es teurer, steigen auch die Stromkosten. Das führt zur notwendigen Frage: Woher kann unser Gas kommen? Und wie kann es wieder leistbar werden? Derzeit zahlen wir in Europa mehr als das Dreifache des US-Preises. Transportkosten und knappe Lieferkapazitäten – also Schiffe für Flüssiggas (LNG) – sind wesentliche Gründe, Pipelinegas ist günstiger.
Der erste Blick muss gar nicht in die Ferne gehen. In Europa – auch in Österreich – gibt es noch Gasreserven. Förderbar. Und zwar unter verantwortungsvollen Umwelt-Rahmenbedingungen, sauberer als irgendwo sonst auf der Welt. Wie so oft gilt: Ein positives politisches Bekenntnis ist die Grundlage, dann müssen Genehmigungsverfahren zügig abgewickelt werden.
Ungesunde Abhängigkeiten
Für Gasimporte gilt: Je diversifizierter, desto besser. Aktuell begibt sich Europa von der ungesunden Abhängigkeit von Putin-Russland in eine gleichermaßen ungesunde Abhängigkeit von Trump-Amerika. Ein Wintersturm in den USA und schon die bange Frage: schicken sie uns noch genug LNG?
Ein Land (oder auch die EU insgesamt) sollte zu maximal einem Drittel von einer einzigen Quelle abhängig sein. Möglichst viele potenzielle Lieferanten sollten also gefunden werden. Pragmatisch, nicht moralisch. Dass die meisten Gas-Export-Länder keine lupenreinen Demokratien sind, ist seit jeher bekannt und war auch immer so. Was im Übrigen auch für viele andere Rohstoffe und Güter gilt, auf die wir in Europa angewiesen sind.
All das sind Fragen, denen wir uns stellen müssen. Ohne die ideologisch übertriebene Hoffnung, dass Arbeitsplätze und Wohlstand von selbst erhalten blieben. Es ist unvernünftig und verantwortungslos, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, es gehe von heute auf morgen ohne Gas. Die Debatte braucht mehr Ehrlichkeit und Realismus, die Energiewende braucht einen gangbaren Weg. Sonst wird sie zum wirtschaftlichen und sozialen Desaster.
Zum Autor:
Christian Tesch ist Geschäftsführer der wirtschaftskammernahen Klima-NGO oecolution, die marktwirtschaftliche Lösungen für eine erfolgreiche Klimawende vertritt.
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