Der Krieg in der Ukraine wird nicht an der Front entschieden

UKRAINE-RUSSIA-CONFLICT-WAR
Putin setzt bei den Angriffen auf die Ukraine zusehends auf Energieterrorismus. Ein Gastkommentar von Janos I. Szirtes.

Nur sehr langsam kann die russische Armee ukrainische Territorien erobern. 2025 waren es 1 Prozent der Fläche. Es handelt sich um 5000–5500 km², 41.800 Soldaten mussten auf russischer Seite dafür ihr Leben lassen. Nicht alle sind Russen. Eine unverhältnismäßig hohe Anzahl von Ethnien ist darunter, sowie Gefangene, die zehn Prozent der Invasionsarmee ausmachen und bei besonders gefährlichen Attacken eingesetzt werden. Bei der Sterberate führen Gebiete wie Dagestan oder Burjatien die Liste an, erst an sechster Stelle taucht Moskau als durch Russen besiedeltes Gebiet auf.

Um die bescheidenen Fortschritte und die Einnahme von nie gehörten, dafür vollkommen zerstörten ukrainischen Siedlungen wettzumachen, wird bombardiert. Die ukrainische Luftabwehr ist wegen der Menge der Raketen und Drohnen in immer geringerem Maß in der Lage, sie abzuschießen. Putin greift seit dem Herbst mit steigender Tendenz zum Energieterrorismus. Zwei Drittel der Energieversorgung, -erzeugung und -förderung sind vernichtet. Was auf dem Schlachtfeld nicht erreicht werden kann, versucht er bei der Zivilbevölkerung wettzumachen. Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung. Was Putins Raketen und Drohnen heute beschädigen und was morgen notdürftig instandgesetzt wird, vernichtet man übermorgen erneut. Der Ukraine fehlen bereits ein Drittel der notwendigen Energie. Eine hoffnungslose Endlosschleife.

Älterer Mann mit kariertem Hemd

Janos I. Szirtes.

Die erneute Inbetriebnahme der kommunalen Werke würde 800 Millionen Dollar an Kosten verursachen. Auch wenn diese vorhanden wären, dauert die Ersatzteilzulieferung 8–18 Monate. Eine Sisyphusarbeit ohne Ausweg. Auch von einem Wiederaufbau von völlig zerstörten E-Werken, wie dem von Kiew, kann derzeit keine Rede sein. Hierzu wären Investoren erforderlich, doch wer legt sein Geld in Gebieten an, in denen gekämpft wird?

Der Krieg wird nicht an der Front entschieden. Das langsame Zurückweichen der ukrainischen Armee ist nicht kriegsentscheidend. Auch der chronische Soldatenmangel, das Fehlen der Erholungszeiten und häufiges Desertieren führen nicht zum Zusammenbruch der Front. Die finanzielle Lage ist, auch bei einem Ausfall der USA, was 15 % entspräche, nicht kriegsentscheidend. Die EU sichert in bescheidenem Maß die Kosten für 2026. Das Fehlen von qualitativem Kriegsgerät, Munition, Geschossen und Raketen ist schon schwerwiegender. Oft folgen westlichen Worten nicht rechtzeitig oder in zugesagter Höhe die Taten. Die Ukraine versucht es mit Eigenproduktion. Allein bei den Drohnen ist der Anteil an ukrainischen Produkten 95 %. In diesem Jahr sollen fünf Millionen hergestellt werden und manche von ihnen sind Weltspitze. Auch bei den Waffen ist die Eigenproduktion erheblich billiger und macht 60 % aus. Dennoch reicht es nicht.

Die Zerstörung des Hinterlandes ist ein entscheidender Faktor. Wenn das Land vollends ins Mittelalter gebombt wird, wenn es sich dort nicht mehr leben lässt, wird dem Land eine Schmach wie die von Compiègne im Juni 1940 nicht erspart sein. Mit der Ukraine verliert allerdings ganz Europa, die zivilisierte Welt und das Völkerrecht.

Zum Autor:
Janos I. Szirtes ist Politikwissenschaftler, lebt in Budapest, war Journalist und Diplomat.

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