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Pflegepolitik: Wenn Sparen teuer wird

Das ökonomische Paradoxon der Pflegepolitik. Qualität ist aber kein Luxus, sondern Voraussetzung für Effizienz. Ein Gastkommentar von Monika Köppl-Turyna.
Pflegepolitik: Wenn Sparen teuer wird

Die aktuelle Entwicklung im Pflegesektor folgt einem klassischen ökonomischen Fehlmuster: Es wird dort gespart, wo Einsparungen nachweislich die höchsten Folgekosten erzeugen.

Unter dem Druck knapper Budgets wird zunehmend hochqualifiziertes Pflegepersonal durch Assistenzkräfte ersetzt. Dies mag kurzfristig Personalkosten senken, ist jedoch gesamtwirtschaftlich ineffizient. Pflege ist kein Bereich mit hoher Substituierbarkeit, sondern ein wissensintensives System mit hohen Qualitätsanforderungen. Qualifikation ist ein zentraler Produktionsfaktor. Ein unausgewogener Skill-Grade-Mix kann die Qualität beeinträchtigen. Ökonomisch betrachtet handelt es sich um vermeidbare Kosten – verursacht durch Unterinvestition in Qualität und mangelnde systemische Effizienz. Dies führt zu verlängerten Aufenthalten, häufigeren Wiederaufnahmen, steigenden Ausgaben in anderen Leistungseinheiten des Gesundheitssystems und vermeidbarer Morbidität.

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Monika Köppl-Turyna.

Fehlanreize

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Es handelt sich um ein systematisches Fehlanreizproblem. Entscheidungen orientieren sich an kurzfristigen Budgetzielen einzelner Organisationseinheiten, während die Folgekosten im Gesamtsystem anfallen. Optionen ergeben sich erstens aus einer bedarfsorientierten, überregionalen Angebotsstruktur, zweitens einer stärker pflegespezifischen Finanzierung und drittens einer fallbezogenen Abstimmung von Formen der Versorgung. Ein vierter Hebel besteht in der Form der Personaleinsetzung. Es ergeben sich regulatorische Hürden, wenn etwa qualifizierte Pflegefachpersonen ihre Kompetenzen – etwa im Bereich der Arzneimittelversorgung – nicht voll ausschöpfen dürfen. Fachlich hochwertige Qualifikationen müssen auch zur Geltung kommen können.

Als Folge systemischer Fehlanreize ergeben sich negative arbeitsmarktökonomische Effekte. Die Abwertung qualifizierter Pflege und der nicht qualifikationsgerechte Einsatz reduzieren die Attraktivität des Berufs. Dies erhöht die Fluktuation und verschärft den Fachkräftemangel. Die Versorgung verlagert sich in der Folge in den informellen Sektor. Vor allem die weiblichen Familienmitglieder übernehmen die Pflegeaufgaben. Sie reduzieren Erwerbstätigkeit, treten vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus und tragen langfristige Einkommens- und Pensionsverluste. Die demografische Alterung verschärft die Problematik.

Die zentrale ökonomische Erkenntnis ist eindeutig: Qualität in der Pflege ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für Effizienz. Systeme, die an qualifizierter Pflege sparen, tauschen kurzfristige Budgetentlastung gegen langfristige Kostensteigerung.

Eine rationale Wirtschaftspolitik müsste daher genau gegenteilig handeln: gezielt in qualifizierte Pflege investieren, vorhandene Kompetenzen vollwertig nutzen und Anreizstrukturen so gestalten, dass Qualität nicht bestraft, sondern belohnt wird. Alles andere ist keine Sparpolitik – sondern eine Form organisierter Ineffizienz.

Zur Autorin:
Monika Köppl-Turyna ist Ökonomin und Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria.

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