Gesundheitssystem an der Kippe: Versorgung neu denken

Eine Krankenschwester macht sich Notizen, während Familien mit Kindern im Wartezimmer sitzen.
Jede vermiedene Krankheit spart dem System Geld. Ohne mehr Eigenverantwortung wird es nicht gehen. Ein Gastkommentar von Susanne Eibegger.

In Zeiten von Inflation und wirtschaftlicher Stagnation besteht die Gefahr eines reduzierten Gesundheitsdenkens. Wenn sich viele Menschen fragen müssen, ob sie sich, wenn sie Miete, Strom und Lebensmittel bezahlt haben, überhaupt noch Investitionen in ihre Gesundheit leisten können, dann wird Gesundheit zu einer Frage des Einkommens.
Gesundheit darf einerseits keine Frage des persönlichen Einkommens sein, andererseits sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass das Gesundheitssystem, wie wir es kennen, auf Dauer nicht finanzierbar sein wird. Der demografische Wandel verursacht mehr Bedarf an medizinischer Leistung bei sinkenden Beitragszahlungen – das kann sich nicht ausgehen.

Versorgungsmentalität

Wir werden uns von der in Österreich jahrzehntelang gelebten Versorgungsmentalität verabschieden müssen. Es ist Zeit, dass wir alle Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen, und das hat mehrere Vorteile: Wir stärken unser eigenes Wohlbefinden, haben die Chance, wirklich bis ins hohe Alter fit und vital zu bleiben, und belasten weder das Gesundheitssystem noch unsere Angehörigen über die Maßen.

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Susanne Eibegger.

Österreich leistet sich ein im OECD-Vergleich teures Gesundheitssystem. 11,8 % des Bruttoinlandsprodukts fließen in die Gesundheitsausgaben, im OECD-Durchschnitt sind es 9,3 %. Auf 1.000 Einwohner:innen kommen bei uns 5,5 Ärzt:innen, die OECD-Vergleichszahl liegt bei 3,9 Ärzt:innen pro 1.000 Einwohner:innen.
Wir können also davon ausgehen, dass genug Ressourcen vorhanden sind. Aber werden diese Mittel richtig verwendet? Die Ausgaben für Prävention sind im Vergleich zur „Reparaturmedizin“ minimal, dabei wird vergessen, dass jede verhinderte Krankheit dem System enorme Kosten spart.

Überaus wirksam wäre auch ein verstärktes Engagement für die Kindergesundheit. Wollen wir, dass in den Supermarktregalen zuckersüße Limonaden stehen, deren Genuss an den Zähnen unserer Kinder viel zu früh Karies verursacht und Dickleibigkeit und Diabetes begünstigt? Eine 2025 veröffentlichte internationale Studie zeigte, dass im Jahr 2020 10 % aller neuen Diabetesfälle und 3 % aller neuen Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf übermäßigen Genuss zuckerhaltigen Softdrinks zurückzuführen war. Hier aktiv zu werden, kann viel Leid und Kosten ersparen.

Ziel muss es sein, die Zahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen. Wie wir wissen, haben wir da im Vergleich mit anderen Ländern einen enormen Aufholbedarf. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die gesundheitliche Eigenverantwortung. Wer sich aktiv um seine Gesundheit kümmert, hat gute Chancen, länger gesund zu bleiben. Dazu braucht es aber auch förderliche Rahmenbedingungen, zum Beispiel eine nationale Self Care Strategie mit Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.

Fest steht: Wir müssen das System komplett neu denken, dazu ist ein starker politischer Wille erforderlich. Nützen wir das aktuelle Zeitfenster dafür, hier gemeinsam wirksame Lösungen zu finden.
 

Zur Autorin: 
Susanne Eibegger ist Präsidentin der IGEPHA, die Interessensgemeinschaft österreichischer Heilmittelhersteller und Depositeure

 

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