Epstein, Labour, die britischen Royals und eine Ming-Vase
Karikaturen von Premier Starmer und Ex-Prinz Andrew in Londons Zentrum.
Das Vertrauen der britischen Wählerschaft zu gewinnen, gleicht oft einem Parcours über rutschigem Boden mit einer Ming-Vase in den Händen. Leicht fällt sie zu Boden und zerbricht in tausend Stücke. Vor etwas mehr als 60 Jahren war die damals konservative britische Regierung in den Profumo-Skandal rund um Macht, Sex und Spionage verwickelt, der das beschauliche britische Establishment samt der königlichen Familie in ihren Grundfesten erschütterte. Das Vertrauen in die Eliten sank ins Bodenlose, die Lords und Ladies, Prinzen und Prinzessinnen lebten jedoch weiter.
Melanie Sully.
Sumpf an Lust und mutmaßlicher sexueller Ausbeutung
Heute ist es das Establishment der Labourpartei, das in einem Sumpf an Lust, und Vorwürfen sexueller Ausbeutung im Zusammenhang mit dem US-amerikanischen Pädophilen Jeffrey Epstein zu versinken droht. Keir Starmer, schon in seiner früheren Karriere als Anwalt übervorsichtig, traf in seinen nunmehr 18 Monaten als Premierminister keine einzige riskante Entscheidung. Aber er beförderte seinen Parteikollegen Peter Mandelson zum britischen Botschafter in den USA, der höchste Posten im diplomatischen Dienst. Lord Mandelson war unter Premierminister Tony Blair berühmt-berüchtigter Spin Doctor, manipulierte Nachrichten und war der Architekt der Wahlerfolge von New Labour. Starmer war mehrmals gewarnt vor einer solchen Beförderung, dennoch glaubte er, dass Mandelson der Richtige für Washington war. Oder war die Ernennung zum Botschafter doch ein großes „Dankeschön“ für dessen jahrzehntelangen Dienst an der Partei? Starmer wird Naivität vorgeworfen. Er hätte als gelernter Anwalt mehr hinterfragen sollen, statt alles zu schlucken, was Mandelson ihm gesagt hatte. Die Tatsache, dass Mandelson seine Beziehung zu Epstein nach dessen Verurteilung aufrechterhalten hat, war bekannt und hätte Starmer stutzig machen sollen.
Starmer war nie beliebt, wirkt oft hölzern und hat keinen Clan in der Partei. Seine Amtszeit ist von vielen Kursänderungen gekennzeichnet und seit Langem gibt es eine Obmanndebatte. Seine Abgeordneten wissen nicht, wofür Labour steht. Starmer hat mehrere Berater verloren, ist zunehmend isoliert, schwach und wütend. Er scheint nicht zu verstehen, warum er nicht besser rüberkommt.
Die letzte Tranche der Epstein Files förderte zutage, dass Mandelson in seiner Zeit als Minister nicht nur weiter enge Kontakte zu Epstein pflegte, sondern dass er mit diesem auch vertrauliche Informationen über die britische und europäische Politik teilte, die Epstein finanziell zum Vorteil hätten gereichen können. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen und Mandelsons Häuser durchsucht.
Lange dominierte die Beziehung von Ex-Prinz Andrew zum Menschenhändler Epstein die Nachrichten. Nun kommt ans Tageslicht, dass der gefallene Royal in seiner damaligen Funktion als britischer Handelsbeauftragter interne Mails über mögliche Investitionen in Asien und Afghanistan an Epstein weiterleitete. Auch in dieser Angelegenheit ermittelt die Polizei.
Der Buckingham-Palast brachte ein Statement heraus: „Wie üblich wird der Palast mit der Polizei vollumfänglich kooperieren.“ Welche Informationen finden sich wohl noch tief verborgen in den Archiven des Palastes? Der König reagiert aktiver als seine Mutter, Elisabeth II., aber beantwortet selber keine Fragen. Zumindest bringt er seine Betroffenheit und Mitgefühl mit den Opfern von Epstein schriftlich zum Ausdruck.
Vertrauen zerbrochen
Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik und die königliche Familie ist durch die Veröffentlichung der Epstein-Files weiter gesunken. Der Premierminister versucht nun, in einem ungewöhnlichen Anfall von Emotionen, seinen Job, und die Royals, die Monarchie zu retten. In der Zwischenzeit kämpfen viele Briten mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Wähler könnten sich Populisten am linken oder rechten Rand zuwenden, nicht, weil sie glauben, diese seien tatsächlich besser, sondern weil sowohl Tories als Labour versagt haben.
Die Ming-Vase ist in tausend Stücke zerbrochen. Sie wieder zusammenzusetzen, gleicht einem unheimlichen Kraftakt.
Zur Autorin:
Melanie Sully ist eine britische Politologin und arbeitet in Wien.
Kommentare