Das G’frett mit den Beipackzetteln

Das G’frett mit den Beipackzetteln
Der Zettel in Papierform soll bleiben, aber besser gestaltet. Es besteht ein Recht auf verständliche Information. Ein Gastkommentar von Ingrid Korosec.

Schrift zu klein, unverständliche Fachsprache, Auflistungen bedrohlicher Risiken – und ist der Beipackzettel einmal aufgefaltet, haben entweder er oder die Medikamente keinen Platz mehr in der Packung. Aber eigentlich ist das egal. Denn zu oft wird das Medikament dann ohnehin nicht genommen. Entweder wegen Unlesbarkeit oder weil die Angst vor den aufgezählten Nebenwirkungen größer ist als der Glaube an die Wirkung.

Das ist kein subjektiver Eindruck. Studien zeigen, dass rund jeder zehnte Erwachsene angibt, vom Lesen eines Beipackzettels bei der Einnahme eines Medikaments negativ beeinflusst zu werden – bis hin zum Absetzen oder Gar-nicht-Einnehmen. Internationale Analysen der OECD zeigen, dass ein erheblicher Teil von Medikamenten in Haushalten ungenutzt oder nur teilweise genutzt im Müll landet.

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Ingrid Korosec.

Viele Seniorinnen und Senioren schreiben mir. Sie wollen keine Informationen vorenthalten bekommen – sie wollen sie verstehen. Verständlich, lesbar und aufs Wesentliche konzentriert. Gerade ältere Menschen nehmen oft mehrere Medikamente gleichzeitig. Für sie sind klare Anweisungen zu Dosierung, Warnzeichen und Wechselwirkungen entscheidend – nicht seitenlange juristische Absicherungen.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Aufgabe erfüllen aktuell Beipackzettel eigentlich wirklich? Man könnte meinen, sie dienen in erster Linie der rechtlichen Absicherung der Hersteller statt zur Information der PatientInnen. Oder ist es vielmehr einfach nur ein Ergebnis von jahrelanger überbordender Regulierung, bei der einmal mehr der Mensch aus dem Blick geraten ist?

Zusätzlich verschärft wird die Debatte durch aktuelle Vorhaben auf EU-Ebene. Im Zuge der Reform des europäischen Arzneimittelrechts haben sich Anfang Dezember EU-Parlament und Mitgliedstaaten darauf geeinigt, dass Hersteller die Hinweise zur Anwendung und zu Nebenwirkungen in Zukunft über einen QR-Code auf der Packung hinterlegen müssen. Den Beipackzettel auf Papier soll es vorerst weitergeben. Ob und wie lange, entscheidet der Mitgliedstaat. Digitalisierung kann sinnvoll sein. Sie darf aber nicht dazu führen, dass Gesundheitsinformation vom Smartphone oder von digitalen Fähigkeiten abhängt. Für viele ältere Menschen wäre das eine zusätzliche Hürde – und damit eine Form der Diskriminierung.

Für mich ist klar: Was es braucht, ist kein Weniger an Information, sondern ein Besser. Und der Beipackzettel in Papierform muss bleiben. Im Zentrum muss eine gut lesbare, patientenorientierte Kurzinformation sein: Wofür ist das Medikament? Wie ist es einzunehmen? Welche Warnzeichen sind wirklich relevant? Größere Schrift, klare Sprache und verständliche Risikoinformation müssen Standard werden. Ein QR-Code kann zusätzliche Infos geben.

Verständliche Gesundheitsinformation ist eine politische Verantwortung. Wer Medikamente braucht, soll Sicherheit bekommen. Wenn Information verunsichert, statt Sicherheit zu geben, dann läuft etwas falsch. Das G’frett mit den Beipackzetteln zeigt: Hier besteht dringend Handlungsbedarf.

Zur Autorin:
Ingrid Korosec (ÖVP) ist Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes.

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