Citizen Kern und Start-upper Kurz: Im Fegefeuer der Eitelkeiten
Alt-Kanzler Sebastian Kurz, Alfred Gusenbauer und Christian Kern bei der Geburtstagsfeier von Gerald Gerstbauer.
Charles Foster Kane kontrolliert Zeitungen und Radiostationen, doch sein Erfolg endet in der Einsamkeit von Xanadu. Orson Welles’ Hollywood-Epos „Citizen Kane“ gilt bis heute als ungeschminkte Abrechnung mit dem Mythos des amerikanischen Traums und der Verführungskraft medialer Macht. Diese Erzählung wirkt erstaunlich aktuell, wenn man den Blick auf gegenwärtige politische Gedankenexperimente richtet, die in Umfragen und Analysen mögliche neue Parteichefs und Kanzler simulieren und ans mediale Firmament projizieren.
In diesen Szenarien tauchen auffallend häufig zwei österreichische Erfolgsmenschen auf: der ehemalige SPÖ-Kanzler und Bahn-Manager Christian Kern sowie der Ex-Bundeskanzler (ÖVP) und heutige Start-up-Unternehmer Sebastian Kurz. Wobei Ersterem derzeit bessere Chancen bei kommenden Wahlen eingeräumt werden.
Daniel Witzeling.
TV-Diskussionen und internationale Medienauftritte heizen die Gerüchteküche an. Private Einblicke und Familienfotos in sozialen Medien verstärken den Eindruck einer politischen Selbstinszenierung, die an den Voyeurismus rund um die britischen Royals erinnert. Es entsteht eine konstruierte Wirklichkeit, in der politische Akteure die Arbeit der Boulevardmedien gleich selbst übernehmen. Ob Kurz mit Bildern seiner millionenschweren Unternehmensbeteiligungen oder Kern als wirtschaftspolitischer Kommentator in diversen TV-Formaten – Bescheidenheit, Zurückhaltung und Reife bleiben dabei oft auf der Strecke. Dieses “Fegefeuer der Eitelkeiten“ hätte dem Medienmogul William Randolph Hearst, der als Vorbild für „Citizen Kane“ gilt, vermutlich große Freude bereitet.
Macher-Image
Doch reicht diese „So-tu-als-ob-Politik“ tatsächlich aus, um noch einmal politisch zu reüssieren? Kern mit Manager-Attitüde, Kurz mit Start-up-Habitus – beide konkurrieren weiterhin um das Image des erfolgreichen Machers. Gleichzeitig wirken ihre politischen Biografien unverarbeitet, ihre Niederlagen nicht reflektiert. Der Wettkampf der Erfolgsarchetypen wird auf das glatte Eis der Politik zurückgeführt, ohne dass eine erkennbare inhaltliche Weiterentwicklung sichtbar wäre.
Der japanische Begriff Shunsatsu bedeutet „Instant Kill“ oder „blitzartige Eliminierung“ und beschreibt im übertragenen Sinn, wie der damals junge ÖVP-Eleve Sebastian Kurz seinen Kontrahenten um die Macht, Christian Kern, einst rasch aus der Spitzenpolitik verdrängte. Kurz selbst wurde später von seinem Koalitionspartner den Grünen und aus den eigenen Reihen entmachtet. Was nun folgt, gleicht weniger einer politischen Erneuerung als einer individuellen Konfrontationstherapie. Ob sie ohne Tiefgang und jenseits bloßer Selbstvermarktung gepaart mit Oberflächlichkeiten gelingen kann, bleibt mehr als fraglich. Mit Muskeln und Fähigkeiten zu posieren, die man nicht nachhaltig entwickelt hat, verstärkt nur die Problematik unverarbeiteter Wunden und führt zu weiteren Verletzungen nicht natürlich gewachsener Identitäten.
Zum Autor:
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.
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