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Braco und Peter Thiel als Yin und Yang eines pervertierten Zeitgeistes

Die Wiener Festwochen sind mit der heutigen Kunst- und Kulturindustrie auf dem Weg zur „Sozialen Plastik“. Ein Gastkommentar von Daniel Witzeling.
Eine Person mit langen grauen Haaren steht in lässiger Kleidung auf einer Bühne mit violettem Licht.

ZUSATZ: Dieser Text entstand vor der Nachricht, dass die Veranstaltung mit Peter Thiel seitens der Wiener Festwochen abgesagt wurde.

Jeder Mensch ist ein Künstler“ – so lautet der bekannte Ausspruch und die radikale These des Aktionskünstlers Joseph Beuys. Sie geht davon aus, dass Kreativität, Formwille und Gestaltungskraft jedem Menschen innewohnen. Seine Auseinandersetzung mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie führte zu seiner spezifischen Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“ sowie zur Konzeption der „Sozialen Plastik“ als Gesamtkunstwerk, das ein kreatives Mitgestalten an Gesellschaft und Politik fordert.

Ein Mann im Anzug spricht gestikulierend vor einer blauen Wand mit der Aufschrift „The National Press Club“.

Multimilliardär mit demokratiefeindlichen Tendenzen: Peter Thiel.

In gewisser Form lassen sich die Wiener Festwochen, kuratiert durch Milo Rau, als eine derartige Soziale Plastik im Beuys’schen Sinne verstehen. Denn für Beuys war ein Kunstwerk nicht zwingend ein physisches Objekt wie ein Gemälde oder eine Skulptur, sondern vielmehr das schöpferische Handeln und Denken selbst. Er war der Überzeugung, dass der menschliche Verstand und die Fähigkeit, das eigene Leben sowie die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, die höchste Form der Kunst darstellen.

So oder so ähnlich dürften die Veranstalter der Festwochen ihre Programmatik angelegt haben – von den Auftritten des kroatischen Heilers „Braco“ und seinem traurigen Blick direkt in die Seele bis hin zum turbokapitalistisch-transhumanistischen „Antichrist“-Bekämpfer Peter Thiel. Eine Plastik des Organismus unserer Gesellschaft.

Alles schön und gut. Doch bewegt sich die Kunst- und Kulturszene mit ihrer gesellschaftspolitischen Regie nicht – wie einst in einer Diskussion zwischen Michael Ende und Joseph Beuys – vom ehemaligen therapeutischen Aspekt zunehmend hin zur Aufklärung? Und überschreitet sie damit nicht die Grenze zu einer ideologischen Agenda?

Ein Mann mit langen Haaren und einem dunklen Anzug vor einem roten Vorhang.

Daniel Witzeling.

Missbrauch des Kunstbegriffs

Der Schöpfer von Werken wie „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“ konstatierte einst die Transformation der Kunst von ihrer therapeutischen Funktion hin zu einer rein aufklärerischen. Aus der Sicht Endes werde Kunst durch die Aufklärung verwässert: Einerseits werde die Kunst schlecht, andererseits die Aufklärung halbseiden. Damit trifft er einen wunden Punkt.

Ebendiese Diagnose lässt sich auf das Verständnis des erweiterten Kunstbegriffs der Wiener Festwochen anwenden. Bei all den bemühten Versuchen, durch kreatives Handeln, Denken und die Mitgestaltung der Gesellschaft eine Soziale Plastik zu erschaffen, maskiert man einerseits unbewusst die angeschnittenen und aufgezeigten Problemfelder. Andererseits desensibilisiert man ungewollt die Rezipienten gegenüber diesen großen Themenfeldern der Zukunft.

Dazu gehört der Einfluss technologischer Entwicklungen auf uns alle, der bei der Veranstaltung durch den US-amerikanischen Multimilliardär Peter Thiel real inkarniert und zelebriert wird. Ebenso betrifft dies die psychohygienischen Auswirkungen der daraus entstehenden Seelenlosigkeit sowie die darauffolgende Flucht in eine Welt falsch verstandener, esoterisch geprägter Spiritualität – verkörpert durch den Heiler Braco als Gegenpol.

In gewisser Weise bildet dies das Yin und Yang eines pervertierten, wohlstandsverwahrlosten Zeitgeistes und eines möglicherweise falschen Kunstverständnisses. So wird nicht einmal dem toten Hasen die Kunst erklärt.

Zum Autor:
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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