Meinung
02.07.2018

Forumsmoderator auf kurier.at: Ein Erfahrungsbericht

© Bild: Getty Images/erhui1979/iStockphoto

Kritik aus allen Richtungen kann auch etwas Gutes haben. Sie zeigt, dass seriöser Journalismus unbequem ist.

 „Linkslinkes Schundblatt“ oder „regierungskonforme Raiffeisenzeitung“: die Bandbreite, wie der KURIER in den eigenen Kommentarspalten wahrgenommen wird, ist groß.

Online-Foren, wie es sie mittlerweile bei so gut wie allen österreichischen Medien gibt, sind für die Leser eine großartige Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen und zu diskutieren. Die Anonymität im Netz hat aber auch dazu geführt, dass manche der Diskutanten geneigt sind, sämtliche Hemmungen zu verlieren. Die Rede ist von der Problematik der „Hasspostings“. Soziale Netzwerke und Online-Foren haben diesem wenig rühmlichen Gesellschaftsphänomen einen Boden bereitet.

Vier Wochen durfte ich den Moderator im KURIER.at-Forum spielen. Ich gehöre zu den sogenannten „Digital Natives“, also jener Generation, die mit Smartphones, sozialen Medien und allem was dazu gehört groß wurde. Aus den Kommentarspalten auf Facebook und Co. ist man mittlerweile einiges gewohnt was Hass und Beleidigungen angeht. Man stumpft quasi ab. Es ist jedoch klar, dass Kommentare, die die Grenze des guten Geschmacks überschreiten, gelöscht und mitunter sogar zur Anzeige gebracht werden müssen.

Wie umgehen mit Hasskommentaren?

Gewaltaufrufe, rassistische Beleidigungen oder ganz einfach obszöne Beleidigungen sind leicht zu erkennen und haben auf der Plattform eines seriösen Mediums nichts verloren. Hier wird von den Postern – vor allem auf sozialen Netzwerken – die Anonymität des Internet im negativen Sinne ausgenutzt. Der KURIER versucht dieser Anonymität durch ein relativ strenges Anmeldeprozedere entgegenzuwirken. So muss etwa eine gültige Rufnummer angegeben werden, sodass bei strafrechtlich relevanten Äußerungen entsprechende Konsequenzen eingeleitet werden können. Der mitunter recht niedrigen Hemmschwelle der Hassposter tut das leider wenig Abbruch.

Schwierig wird es als Forumsmoderator bei unterschwelligen Anspielungen und Bemerkungen oder dem oftmals dargebotenen „Alltagsrassismus“. Genau hier befindet sich eine Grauzone. An dieser fühlen sich dann gewisse User einer Beschränkung ihrer Meinungsfreiheit ausgesetzt, wenn ihr Posting gelöscht wird. Wie oft ich in diesen vier Wochen als Zensor bezeichnet wurde, habe ich mittlerweile aufgehört zu zählen. Ich würde Kommentare löschen, die nicht der politischen Gesinnung des KURIER entsprechen, hieß es. Interessant nur, dass mir dies aus sämtlichen politischen Richtungen vorgeworfen wurde. Und das ist gut so.

Es zeigt nämlich, dass die Kommentare eben gerade NICHT nach politischen Motiven ausgesiebt werden und sich die Berichterstattung des KURIER lediglich am eigenen Redaktionsstatut orientiert. Das weiß ich spätestens jetzt, am Ende eines viermonatigen Praktikums in der Innenpolitik und der Onlineredaktion. Nur gewissen Lesern scheint dies nicht immer klar zu sein. Grund dafür ist wohl auch die immer größere Polarisierung in der Gesellschaft und der Populismus, der in den vergangenen Jahren Einzug in unsere politische Landschaft gehalten hat. Die beiden Extreme dieser Polarisierung lassen sich in den täglichen Diskussionen im Forum beobachten.

Während seit Amtsantritt der türkis-blauen Regierung mittlerweile kaum mehr eine Basis für Zusammenarbeit mit der Opposition besteht, verhärten sich auch die Fronten in den Kommentarspalten immer mehr. Dies geht so weit, bis keine sinnvolle Diskussion mehr möglich ist – also sinnbildlich für den aktuellen politischen Zustand.

"Gutmenschen" vs. "Nazis"

Das Forum ist in gewisser Weise zu einer Schwarz-Weiß-Welt geworden. Oppositionsanhänger gegen Regierungssympathisanten oder „linkslinke Gutmenschen“ gegen „rechte Spinner“. Am klarsten zeigt sich das beim Flüchtlingsthema.

Dort gibt es zunächst eine Fraktion von Postern, welche mittlerweile eine derartige Ablehnung gegenüber Menschen in Not aufgebaut haben, dass sie bei jedem Bericht über ein gerettetes Flüchtlingsboot nahezu in Panik verfallen. Es werden Untergangsszenarien heraufbeschworen und Waffengewalt eingefordert. Geflüchtete werden durch die Bank als Wirtschaftsmigranten dargestellt, die eine jahrelange, lebensbedrohliche Reise auf sich nehmen, nur um in Österreich Mindestsicherung beziehen zu können. Jeder glaubt, ihm würde etwas weggenommen. Die von Türkis-Blau angeheizte Asyldebatte befeuert diese Fraktion von Postern in den letzten Wochen regelmäßig.

Auf der anderen Seite findet sich eine Gruppe regierungskritischer Poster. Diese können einfach nicht verstehen, woher der Hass auf Zuwanderer und den Islam kommt und wissen sich letzten Endes nur mehr mit unterschwelligen Beleidigungen zu helfen. Regierungsanhängern wird ein geringes Bildungsniveau unterstellt, sie werden als Nazis bezeichnet und belächelt. Eine vernünftige Diskussion wird so bereits im Keim erstickt.

"Alternatives" Faktenverständnis

Die gegenseitigen Beleidigungen sind das eine, sind sie doch eine Begleiterscheinung der Anonymität im Netz. Das wirklich Bedenkliche ist allerdings, wie verhärtet die Meinungen dieser Gegenpole sind.

Passt einer Fraktion an Postern ein Bericht nicht ins Weltbild, wird sofort der Wahrheitsgehalt hinterfragt, der Redakteur als „gesteuert“ – von wem auch immer (Soros? IV?) – dargestellt und letztlich das gesamte Blatt als parteiisch kritisiert. Wie man diesem, teils verblendeten Faktenverständnis entgegenwirken kann, weiß aktuell noch niemand so richtig.

In der Mitte dieses Kreuzfeuers stehen die Redakteurinnen und Redakteure des KURIER, auf welche versucht wird, durch solche Postings Druck aufzubauen. Doch auch wenn einem der Hass aufgebrachter Poster entgegenschlägt, muss man als Journalist konsequent seine Arbeit weiterverfolgen. Selbstverständlich ist dies nervenaufreibend. Es ergibt sich aber eine Parallele zu den Beschwerden wegen gelöschter Postings: wird man aus allen Richtungen kritisiert, macht man ja vielleicht genau das Richtige. Und zwar kritischen Journalismus.

- Alexander W. Huber