Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
07/01/2020

Ferngesteuerter Zorn

Mitschuld an den Krawallen ist ein türkischer Staat, der seine Bürger selbst in anderen Ländern zu instrumentalisieren versucht.

von Martina Salomon

Nein, ein Hehl hat der türkische Präsident Erdoğan nie daraus gemacht, dass er seine im Ausland lebenden Landsleute als Vorposten seines „Reichs“ sieht. Man solle sich in der neuen Heimat nicht „assimilieren“ und außerdem viele Kinder bekommen, um den Einfluss der Türken in Europa zu stärken, sagte er vor ein paar Jahren ganz unverblümt.

Nun sind natürlich nicht alle Austro-Türken Erdoğan-Fans, dennoch reicht der lange Arm des Autokraten über diverse Vereine bis nach Wien. Sie kontrollieren die „eigenen“ Leute, sprich: Ein türkischer Kaffeehausbesitzer mit liberalerer Geisteshaltung wird dies nicht bekennen, weil sonst seine Gäste ausbleiben. Es haben sich Subgesellschaften entwickelt, oft genug mit einer arroganten Haltung gegenüber der als dekadent empfundenen Mehrheitsgesellschaft. Auf diesem Boden gedeiht auch eine Machokultur, in der sich niedriges Bildungsniveau mit aufgetunten Autos paart.

Wie reagierten die Parteien? Die SPÖ hat die türkische Community als Wählerpotenzial betrachtet und faktische Probleme lange geleugnet. Die FPÖ sieht sich als Pro-Serben- und Antimuslime-Partei. Die ÖVP nahm eine äußerst quietschende Kurve vom dialogbereiten Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz zum Hardliner-Politiker Sebastian Kurz nach der Immigrationswelle 2015 – Grundlage für seinen späteren Wahlerfolg. Die Grünen predigen zwar Multikulti, investierten als Stadtplanungspartei dennoch lieber in wohlhabende Innenstadt-Bezirke mit grüner Klientel statt in die einstige Arbeitergegend Inner-Favoriten.

Mit vernünftiger Stadtplanung könnte das Viertel durchaus zum Wiener „Soho“ oder Kreuzberg werden. Stattdessen gibt es viele Problem-Hotspots. Dazu gehört auch das einstige KPÖ-Parteiheim, heute Ernst-Kirchweger-Haus, das seit Jahrzehnten von linken (extremen) Gruppen „besetzt“ ist. Von hier gingen die Kurden-Demos aus, die von Rechtsextremen mit türkischen Wurzeln angegriffen wurden. (Wobei es – umgekehrt – schon auch erstaunlich ist, wie viel Spielraum Sympathisanten der von der EU als Terrororganisation eingestuften kurdischen PKK in Wien haben.)

Es wäre völlig falsch, jetzt die ganze türkische Gemeinde anzuprangern, die ja auch aus vielen tüchtigen Handwerkern und erfolgreichen Geschäftsleuten besteht. Mitschuld ist ein türkischer Staat, der seine Bürger selbst in anderen Ländern zu instrumentalisieren versucht. Die türkischen Vereine und Familien, aber auch die österreichische Integrationspolitik müssen verstärkt positive Role Models vorstellen. Denn die zornigen jungen Männer aus manchen Grätzeln brauchen neue Vorbilder. Das Wort von Bürgermeister Michael Ludwig in Gottes Ohr: „Eine radikale Minderheit darf das friedliche Zusammenleben nicht gefährden. Das hat keinen Platz in Wien.“