Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Meinung
12/24/2019

„Einmal mit alles“? Lieber weniger von allem

Haben Sie alles erledigt? Oder sind nur Sie erledigt? Warum man zu Weihnachten trotzdem dankbar sein sollte.

von Martina Salomon

Es geht uns gut: Jeder Platz ein Christkindlmarkt, der Punschnebel kaum noch zu durchdringen. Die Straßen waren in den vergangenen Tagen verstopft von Transportern, die den Online-Käufern ihre Packerl lieferten. Der stationäre Handel meldet dennoch wieder ein Plus im Weihnachtsgeschäft, obwohl immer mehr Traditionsgeschäfte schließen (müssen). Dabei hat doch gerade erst der neumodische „Black Friday“ (gefolgt vom Cyber Monday) für Shoppingrausch gesorgt.

Und auch von „Flugscham“ kann keine Rede sein: Weihnachten unter Palmen statt unter der regionalen Tanne boomt. Viele Reiseziele sind ausgebucht, die Flieger bummvoll. Zwei Tage geschlossener Geschäfte führen zu Lebensmittel-Hamsterkäufen, und dennoch hat man immer etwas vergessen.

Auch heuer wieder war die Zeit bis Weihnachten so, als müsste das Leben jetzt final geordnet werden, weil es danach kein Morgen mehr gibt. Aber erstaunlicherweise sind es gar nicht die (Mittel-)Alten, sondern die Jungen, die sich weniger Stress wünschen und weniger bunte Lifestylewelt mit ständig wechselnden Trends. Laut jüngster Jugendwertestudie ziehen sie sich lieber ins Private zurück, sind weniger leistungs- und mehr freizeitorientiert. „Cocooning“ ist angesagt. Natürlich hat auch das damit zu tun, dass es der Gesellschaft – siehe oben – gut genug geht, um sich den Luxus von „weniger ist mehr“ leisten zu können.

Überforderung

Aber vielleicht stemmt sich die nächste Generation einfach gegen etwas, was ihre Eltern und Großeltern längst überfordert: die Komplexität einer digitalen Selbst-mach-Gesellschaft, in der Dienstleistung zum Fremdwort wird; die rasende Geschwindigkeit, mit der sich technische Tools ständig ändern; die steigenden Anforderungen im Berufsleben, weil Firmen im globalen Wettbewerb nur bestehen können, wenn sie permanent alle Ineffizienzen beseitigen; dazu noch Städte im zunehmenden Dichtestress – mehr Zuzug, mehr Touristen.

Aber trotz (oder eigentlich wegen) all dieser hektischen, überfüllten Betriebsamkeit nimmt die Einsamkeit zu. Niemals bemerkt man das mehr als zu Weihnachten. Betroffen sein können alle Generationen. Für den 24. 12. ist es daher viel leichter, die Dienste bei Polizei, Heer, Spital zu besetzen, als über Silvester, wo man die Leere und Beziehungslosigkeit krachend übertönen kann.

Doch gerade zu Weihnachten ist auch Zeit für Dankbarkeit: Wir leben in einer der sichersten, wohlhabendsten, friedlichsten Regionen der Welt, in der das Individuum zählt und jeder seine Meinung frei äußern kann. Junge besinnen sich wieder mehr des Werts von Familie und Freunden. Alles wird gut. Ein schönes Weihnachtsfest!