The outbreak of the coronavirus disease (COVID-19), in Vienna

© REUTERS / LISI NIESNER

Leitartikel
11/16/2020

Ein Appell an Händler und Käufer

Wer künftig keine toten Städte haben will, sollte bewusst kaufen und mehr als sonst überlegen, wohin die Wertschöpfung fließt

von Martina Salomon

Drei Wochen keine Schuhe kaufen: Das halten österreichische Konsumenten locker aus. Hält es auch der Handel aus, noch dazu im Advent? Die Regierung hat zwar Umsatzersatz versprochen, dennoch wird dieses Jahr heftige Folgen haben. Denn jetzt werden gerade viele Bürger – selbst jene, die das bisher verweigerten – auf Online-Shopping „getrimmt“ und stellen staunend fest, dass vieles im Netz günstiger ist. US-Giganten (und Zustelldienste) sind Krisen-Gewinner.

Was das für die Unternehmen bedeutet? Zum Beispiel, dass sie digitale Versäumnisse aufholen müssen. Und vor Weihnachten könnte man zumindest heuer an Sonntagen öffnen, wie das bis in die noch viel katholischeren Sechzigerjahre hinein üblich war. Außerdem müsste der Handel noch (viel) mehr auf Dienstleistung setzen. Verkäufer(innen), nach denen man im Geschäft erst mühsam fahndet und die dann achselzuckend einen Amazon-Kauf empfehlen, vertreiben Kunden. Besseres Service erzeugt jedoch höhere Personalkosten, die sich Teile der schon vor diesem Katastrophenjahr geschwächten Branche (etwa der Bekleidungssektor) kaum noch leisten können. Viele Firmen berichten außerdem, dass es trotz höchster Arbeitslosigkeit schwer ist, freie Stellen zu besetzen. All die vielen Hilfen sind jetzt überlebensnotwendig, langfristig jedoch schleichendes Gift für das (schon vor der Krise mancherorts ganz schön ausgehöhlte) Leistungsbewusstsein.

Und die Käufer? Denken Sie beim (Online-)Kauf mehr als sonst darüber nach, wohin die Wertschöpfung fließt und wie fair die Herstellungsbedingungen waren. Überlegen Sie, ob Sie in Zukunft nur noch „tote“ Städte haben wollen, in denen außer Gastronomie nichts mehr „funktioniert“.

Für viele, die schon fast alles haben, ist Kaufzurückhaltung vor Weihnachten vielleicht eine reizvolle Idee, gesamtgesellschaftlich aber nicht. Hugo von Hofmannsthal hat das einst in einem „Appell an die oberen Stände“ in Worte gefasst: „Da ist unser Schneider, da ist die Putzmacherin, da ist der Wäscheladen; sie wollen leben. […] Der Buchhändler und sein Gehilfe wollen leben. […] Und es ist an uns, daß wir leben und sie leben lassen.“ Das war 1914. Nein, wir stehen nicht am Beginn eines Krieges, aber mitten in einem Wirtschaftskrieg. China hat gerade mit 14 Ländern aus der Pazifikregion ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Diese größte Freihandelszone der Welt umfasst ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung – während wir auf unserem kuscheligen Kontinent technik-, wissenschafts-, fortschritts- und manchmal auch konsummüde sind. Es ist nicht ausgeschlossen, dass nächste Generationen dazu weniger aus Lifestyle-Gründen, sondern aus Wohlstandsverlust gezwungen werden. Wir stehen an der Schwelle zu neuen, ungemütlicheren Zeiten. 2020 hat das wohl beschleunigt.

Martina Salomon
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.