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Meinung
08/25/2019

Die #MeToo-Oper: Darf nur singen, wer nicht "singt"?

Plácido Domingo ist zweifellos kein Einzelfall, das ganze System müsste unter Anklage stehen.

von Gert Korentschnig

Die Salzburger Festspiele neigen sich dem Ende zu. Und es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass – ähnlich wie im Wahlkampf – kaum über Inhaltliches, also künstlerisch Substanzielles diskutiert wird, sondern primär über Skandalträchtiges. Die prägenden Themen der Festspiele 2019: eine Absage (jene von Anna Netrebko) und eine Nicht-Absage (jene von Plácido Domingo).

An diesem Sonntag singt der ehemalige Startenor, der sich im gereiften Alter (78) wieder als Bariton betätigt, in einer konzertanten Aufführung von VerdisLuisa Miller“. Die Oper basiert auf Schillers „Kabale und Liebe“ – zumindest titelmäßig passend. Es ist Domingos erster Auftritt seit Bekanntwerden der #MeToo-Vorwürfe.

Neun Frauen, acht davon anonym, werfen ihm sexuelle Übergriffe vor. Er habe sie gegen ihren Willen umarmt, geküsst, mit Telefonaten bedrängt – und ihnen offenbar mit negativen Auswirkungen auf ihre Karriere gedroht. All das soll in den 1980er-Jahren passiert sein.

In den USA gab es sofort, also 30 Jahre danach, Konsequenzen: Das Philadelphia Orchestra und die Oper von San Francisco sagten Vorstellungen ab; die Oper in L. A., der Domingo als Chef vorsteht, leitete Ermittlungen ein. In Salzburg jedoch tritt er wie geplant auf. Ist das vertretbar? Nach momentanem Wissensstand schon.

Machtmissbrauch

Solange Gerichte keine Urteile gesprochen haben (was sie vermutlich auch nie tun werden), sind solche Ausladungen übertriebene Political Correctness. Man zeigt mit dem Finger auf einen Künstler, obwohl das ganze System unter Anklage stehen müsste. Es geht nicht nur um Domingo, einen der größten Sänger aller Zeiten, der sich vermutlich nicht nur auf den Bühnen der Angebote kaum erwehren konnte, es geht um viel mehr. Etwa um die Fragen: Ist die Oper, bei der Künstler und vor allem Künstlerinnen vom Wohlwollen eines Intendanten, Dirigenten oder eines Sängers abhängig sind, ein Hort des Machtmissbrauchs? Ist die Besetzungscouch, die es zweifellos gab, immer noch fixer Bestandteil des Mobiliars in Kulturinstituten? Darf nur singen, wer angesichts der Zustände hinter den Kulissen nicht „singt“?

Ja, es waren andere Zeiten damals, die Hände saßen lockerer. Und solange Dinge einvernehmlich passierten, war wohl auch alles gut. Aber wo beginnt Erpressung? Und vor allem: Wie sieht es heute damit aus?

Der „Fall Domingo“ ist mehr als das Anpatzen eines Superstars. Es ist ein Aufschrei gegen Willkür, gegen Unterdrückung, Machotum, weit über das Musik-Business hinaus. Dieses große Operndrama gibt es allerorts, in der Politik ebenso wie im Management. Und vielleicht fragt man sich auch einmal, wie es eigentlich Marta Domingo, seiner Frau, gerade geht.