Leitartikel
08/30/2020

Die Lehren aus dem Corona-Sommer

Der August geht zu Ende, in einer Woche beginnen Schule und Alltag wieder. Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen? Nicht nur schöne.

von Gert Korentschnig

Mit einem Konzert von Kirill Petrenko am Pult der Berliner Philharmoniker enden am heutigen Sonntag die Salzburger Festspiele. Nicht nur Musikliebhaber wissen: Wenn das Festival läuft (und zum Glück lief es), ist Sommer, wenn der letzte Ton verklungen ist, beginnt meteorologisch der Herbst. Urlaubszelte abbrechen, zurück in die eigenen vier Wände – und auf der Fahrt dorthin (falls nicht der Ärger über einen Stau überwiegt) die vergangenen Wochen Revue passieren lassen. War’s so schön wie erhofft? Oder schlimmer als befürchtet? Die Bilanz fällt bei jedem anders aus, versuchen wir aber dennoch, einige Lehren aus dem Corona-Sommer zu ziehen.

Da wäre zunächst die über allem schwebende Frage: Haben wir die Zeit sinnvoll genützt, um gut vorbereitet für den Herbst zu sein? Diesbezüglich sind Zweifel angebracht. Erst am kommenden Freitag, drei Tage vor Schulbeginn, wird die Corona-Ampel eingeschaltet. Dann wird man erfahren, welche Warnstufe für den jeweiligen Wohnbezirk gilt – und niemand weiß, was das in weiterer Folge bedeutet. Flexibilität ist in Zeiten wie diesen wichtig, aber hätte man da nicht klare Modelle erarbeiten bzw. kommunizieren müssen? Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die meisten Menschen (Politiker wie Wähler) froh waren, ein paar Wochen zum Durchatmen zu haben und sich nicht permanent mit dem Virus beschäftigen zu müssen. Hoffentlich rächt sich das nicht.

Definitiv eine Lehre: Dass es in Österreich sogar in Extremsituationen heilige Kühe gibt, die man sich nicht nehmen lässt, zum Beispiel den Alkohol. Die Menschen lassen es sich gefallen, dass sie Geschäfte nicht betreten oder ihre Eltern nicht sehen dürfen – ein abendliches Alkoholverbot auf der Straße jedoch (wie etwa in München, damit die Partylaune nicht überschwappt), kommt nicht in Frage. Auch die Registrierung in Lokalen ist für unsereins tabu – man wird doch noch anonym pipperln dürfen.

Eine weitere Erkenntnis ist eine alt bekannte und zutiefst österreichische: die Mischung aus dem Willen zur Rebellion und zur präzisen Befolgung von Erlässen. Man wünscht sich klare Vorgaben und Autoritäten, und sei es nur, um sich darüber zu empören. Ein bissl Raunzen wird ja wohl auch in Corona-Zeiten möglich sein.

Ebenfalls zu beobachten: das unreflektierte Unverständnis von Teilen der älteren Generation gegenüber den Jungen; das Festhalten am Föderalismus (welche Regeln es gibt und wie diese exekutiert werden, entscheiden immer noch die Länder); der ewige und vorurteilsbehaftete Konflikt zwischen Wien und den Bundesländern, der jederzeit eskalieren kann; der Wunsch nach Regionalität, verbunden mit der Gefahr von Provinzialität. Und die wichtigste Lehre: Im Ernstfall wird aus Sachpolitik sofort Parteipolitik. Dieses Virus ist nicht zu besiegen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.