Leitartikel
07/03/2021

Der Schlüssel zum Erfolg: Raus aus der Komfortzone

Alle wollen Dienstleistung, niemand will Dienstleister sein. Auf dem Weg zurück in die Normalität müssen wir Bequemlichkeit opfern

von Martina Salomon

Die gute Nachricht zuerst: Im heurigen Mai gab es um 20.000 mehr Beschäftigte als im Vorkrisen-Mai 2019: Das ist ein Grund zur Freude – wobei es ohne Möglichkeit zur Kurzarbeit natürlich nicht so gut aussähe.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Die Zahl der (Langzeit-)Arbeitslosen ist noch deutlicher gestiegen. Und es zeichnet sich zunehmend etwas ab, was man neudeutsch „mismatch“ nennt: Einerseits finden vor allem ältere, gut Qualifizierte keine Beschäftigung mehr und verzweifeln, weil sie auf Dutzende Bewerbungsschreiben nicht einmal eine Antwort bekommen. Andererseits suchen immer mehr Arbeitgeber händeringend Personal – nicht nur Hochspezialisierte, sondern auch (anzulernende) Arbeitnehmer für Verkauf, Tourismus, Gastronomie. Sprich: Alle brauchen Dienstleistung, aber niemand will Dienstleister sein. Schon gar nicht, wenn sich die Arbeit in den Abend oder ins Wochenende zieht. Wir sind eine recht bequeme Gesellschaft geworden, monatelanges Homeoffice hat das teilweise noch verschlimmert.

So kommt es, dass der Eissalon, der Bäcker oder die Wirtin den Betrieb gar nicht oder nur noch mit Mühe und unter Selbstausbeutung fortführen kann, geschweige denn expandieren – obwohl das doch neue Wertschöpfung und neue Jobs schaffen würde. Viele Bewerber erscheinen nicht einmal zum ausgemachten Vorstellungsgespräch. Schließlich bleibt das ohnehin ohne Folgen. Die Geschichten aus der Wirklichkeit, die berichtet werden, machen fassungslos.

Klassenkampftöne sind fehl am Platz

Der Spruch: „Dann sollen s’ halt mehr zahlen“ ist nur sehr begrenzt richtig. Nach dem Motto „it’s the economy, stupid“ geht’s ja darum, dass das Gehalt in den vielen kleinen und mittleren Unternehmen Österreichs erst einmal verdient werden muss. Diese schwimmen ja nicht automatisch in Geld. Oft sogar ganz im Gegenteil. Und höhere Löhne müssen von den Kunden erst einmal bezahlt werden (wollen).

Klassenkampftöne kann man sich daher sparen, auch wenn sie speziell zu Wahlzeiten gerne aus der politischen Mottenkiste geholt werden – am liebsten gleich in Kombination mit Bashing von Konzernen. Aber statt diese zu vertreiben, sollten wir lieber dafür sorgen, dass sie sich in Österreich und Europa ansiedeln, um Steuern zu zahlen, Arbeitsplätze und Innovation zu schaffen. Europa gilt in den USA und in Asien längst als Wohlstands- und Sozialparadies, aber nicht als Hort des Fortschritts. Wie lange können wir uns diesen „Luxus“ noch leisten?

Österreich muss die Arbeitsmarkt- (und auch die Bildungs-)politik endlich neu denken und Hürden zur Schaffung neuer Jobs rasch beseitigen. Dafür braucht es mehr Luft zum Atmen für Klein- und Mittelbetriebe. Bund und Gemeinden quälen sie mit zum Teil grotesken bürokratischen Schikanen, meist ohne dass sich die Behörden – umgekehrt – bemüßigt fühlen, selbst Dienstleister zu sein. Der Arbeitnehmerschutz ist manchmal geradezu prohibitiv: Arbeitgeber müssen sich dreimal überlegen, ob sie sich Anstellungen leisten können. Für niedrig Qualifizierte wiederum ist der Anreiz, einen Job anzunehmen zu gering und die Kombination aus Mindestsicherung und Schwarzarbeit oft attraktiver. Aber wenn zu viele im Sozialnetz verharren, reißt es irgendwann einmal – und lässt dann jene durchfallen, die es wirklich nötig haben.

Durch die Pandemie scheint die Motivation, Vollzeit arbeiten zu gehen, geringer geworden zu sein. Das Anspruchsdenken besonders bei Jungen ist groß (und hält nicht immer mit der Qualifikation Schritt). Sie erwarten von ihrem künftigen Job viel Flexibilität und eigenen Gestaltungsspielraum, hat gerade eine neue Studie von Leitbetriebe Austria ergeben. Erfreulich ist aber: Zwei Drittel sind bereit, mehr als nötig zu arbeiten. Damit das im Falle des Falles auch geschieht, werden sich Firmen künftig mehr anstrengen müssen, um Mitarbeiter zu halten.

Dringend nötig ist auch die schon lange angekündigte Image-Aufwertung der Lehre. Am Geld liegt es nicht: Meister verdienen oft viel mehr als Master. Wer in der Parteienlandschaft fühlt sich für Klartext und damit auch für Unpopuläres verantwortlich? Alle Parteien (und nicht nur diese) wähnen sich da in einer Komfortzone. Auch wenn es ein paar Monate so schien: Geld wächst nicht auf den Bäumen. Nach Corona (wann immer diese Plage überwunden ist) wird es Zeit für ernsthafte Sachpolitik, die sich nicht in teurem Wunschdenken erschöpfen darf.

Über verschiedene Lösungsmodelle drängender Probleme lohnt es sich zu streiten. Über vieles andere nicht.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.