Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
10/04/2020

Ade, du schnöde Arbeitswelt!

Die Krise haucht der alten Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens neues Leben ein. Warum das dennoch keine gute Idee ist

von Martina Salomon

Täglich erreichen uns neue, erschreckende Meldungen über Kündigungswellen. Damit wird eine alte Idee wieder aktuell: Ist jetzt die Zeit reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen? Theoretisch ja, denn zumindest vorübergehend geht in etlichen Bereichen die Arbeit aus.

Die Vision ist eine durchaus schöne, wenn sich die Bürger frei von den Zwängen der schnöden Arbeitswelt den guten, wahren Dingen widmen können: Kreativität, Familie, Ehrenamt. Praktisch ist der Mensch nur leider nicht ganz so edel „gestrickt“, sondern neigt zur „Todsünde“ (theologisch korrekt „Hauptlaster“) Nummer sieben: Trägheit/Faulheit. Zur Armutsvorsorge haben wir außerdem mit der Mindestsicherung bereits ein Grundeinkommen, allerdings mit der Bedingung, sonst keine Einkünfte zu haben. Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen würden etliche Sozialhilfe-Empfänger sogar weniger Geld kriegen. Der Kuchen wird dann ja auf mehr Personen aufgeteilt und die jetzt (oft viel zu zersplitterten und unübersichtlichen) Leistungen von Bund, Stadt und Land müssten vereinheitlicht werden – was immerhin Verwaltungskosten sparen würde, zumindest auf dem Papier.

Völlig ungelöst aber ist die Frage, was mit der Arbeit geschieht, für die sich die (Neo-)Österreicher schon jetzt nicht bereit finden: Alten- und Krankenpflege, Putzdienste, Arbeit im Schlachthof, Erntehelfer, Bauarbeiter. Sogar Installateure, Kellner, Köche, Verkäufer müssen aus dem Ausland angeworben werden. Überspitzt formuliert leben wir wie im alten Rom: Eine gut situierte Bürgerschicht lagert anstrengende Arbeit an Zuwanderer aus. Statt ein neues Grundeinkommen zu kreieren, müssen wir es nach dieser Krise wohl alle ein wenig „billiger“ geben: Es könnte weniger großzügige Zumutbarkeitsbestimmungen für neue Jobs geben, man wird einen längeren Arbeitsweg, flexiblere Arbeitszeiten akzeptieren müssen. Schon jetzt ist der Zuwandererdruck aus armen Ländern nach Österreich und Deutschland hoch. In anderen Teilen der Welt reibt man sich die Augen über das Geld (und die Sozialwohnungen), die man hierzulande selbst bei überschaubarem Arbeitswillen bekommt.

Im August waren mit 18,9 Prozent fast ein Fünftel der jungen Wiener Männer zwischen 20 und 24 Jahren ohne Arbeit. (Gesamtarbeitslosigkeit bundesweit: 8,9 %). Klar, Corona hat die Jungen am Arbeitsmarkt hart getroffen, aber schon vorher war diese Zahl ähnlich. Wollen überhaupt alle einen Job finden? In manchen Familien hat sich dieser Zustand geradezu verfestigt, obwohl man überall qualifizierte Handwerker sucht. Die Würde des Menschen besteht auch darin, gebraucht zu werden. Natürlich lässt sich das in unbezahlter Tätigkeit ebenso verwirklichen. Aber (nicht nur) als 24-Jähriger sollte man einer geregelten Arbeit nachgehen (können), altmodisch: etwas leisten.

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