Leben
29.11.2018

"Was is los mit dieser Stadt": Mann hält Wien auf Twitter Spiegel vor

Auf Twitter berichtet der Mann von einem Erlebnis mit einem Obdachlosen.

"Was is los mit dieser Stadt": Mit dieser Frage hat ein Twitter-Nutzer kürzlich seine Kritik an der seiner Auffassung nach mangelnden Zivilcourage und Hilfsbereitschaft der Wiener Bevölkerung zum Ausdruck gebracht.

Anstoß für die Diskussionsbeiträge, die der User mit dem Nutzernamen "euer žarko" am 27. November auf dem Kurznachrichtendienst veröffentlichte, war ein Erlebnis mit einem obdachlosen Mann.

Ungeschönte Schilderungen

Demnach hielt er sich in der Nacht von Montag auf Dienstag am Urban-Loritz-Platz im 15. Wiener Gemeindebezirk auf, um dort einen Kebab zu essen. Dabei sei er mit einem afghanischen Flüchtling ins Gespräch gekommen. Irgendwann hätten die beiden einen Obdachlosen auf einer Parkbank liegend entdeckt. Als sein Gesprächspartner auf dem Weg zur öffentlichen Toilette an diesem vorbeiging, habe dieser bemerkt, dass der Mann am ganzen Körper zittert und ein gebrochenes Bein hat.

"Der Typ neben mir geht aufs WC und am Rückweg direkt zum 'Sandler' hin, kniet sich zu ihm und redet kurz irgendwas. (…) Dann kommt er wieder zurück und sagt 'Bruder, er sagt, er braucht Rettung. Er sagt, Bein kaputt'", ist auf Twitter über den Vorfall nachzulesen.

Relativ missmutig ließ er sich von dem hilfsbereiten Mann überreden, ebenfalls zu dem Obdachlosen zu gehen, um die Lage besser einschätzen zu können.

Da die Situation des obdachlosen Mannes ernst schien, habe er die Rettung gerufen. Währenddessen kümmerte sich der afghanische Mann um den Obdachlosen: "Schwer zu beschreiben, wie liebevoll dieser 20-Jährige den Typen zugedeckt hat mit seiner Jacke. Ohne eine Sekunde zu zögern. (…) Während ich mit seinem Handy die Rettung rufe, holt er 20 Zeitungen ausm Ständer und legt sie dem Patienten unter den Kopf."

Offene Kritik

Am Rettungsdienst, der erst nach etwa 15 Minuten eintraf, über der User Kritik. Die zuständigen Sanitäter hätten den Afghanen abschätzig behandelt, bis er selbst eingegriffen und die Lage erklärt habe.

"Der Refugee-Kollege hat dann die Zeitungen noch in den Ständer zurückgeräumt. Da musste ich fast lachen vor lauter Wut auf mich selbst. Bin ich echt schon so abgestumpft, dass ich auch an dem Mann vorbeigerannt wäre? Was is los mit dieser Stadt, frag ich mich", schließt der Mann, aus dessen Profilbeschreibung hervorgeht, dass er teils satirische Postings absetzt, seinen Thread.

Er schäme sich für sein eigenes zurückhaltendes Verhalten – ebenso wie für die Gesellschaft, die mit negativen, vorurteilsbehafteten Zuschreibungen an Zuwanderer Ausgrenzung und Intoleranz kultiviere. Dabei sei der Afghane "der einzige" gewesen, "der sich Zeit nimmt, dem Mann mal zuzuhören".

Likes und positives Feedback

Mit seinen Zeilen scheint der Twitter-User einen Nerv getroffen zu haben. Bisher wurde das Posting knapp 2.300 Mal gelikt und hunderte Male geteilt.

In den Kommentaren bekommt er viel Zuspruch von der Community: "Super Thread. Danke. Gänsehaut. Mein ich ernst", schrieb etwa ein Nutzer. "Danke für das Teilen deines Erlebnisses, ich kenne ähnliche Begebenheiten. Gerade, die, die ständig als kriminell verunglimpft werden, sind oft jene, die als erstes Hilfe leisten", postete eine andere Userin.