Was die Neue Oberstufe für den Schulalltag bedeutet

Aufsteigen mit zwei Fünfern, zwei Zeugnisse pro Jahr - was sich 2017 alles ändert.
Eine Gruppe von Teenagern sitzt an einer blauen Wand in einem Flur.

Die Zentralmatura war 2015 das große Bildungsthema. Jetzt steht die nächste Reform an: Im Schuljahr 2017/’18 wird die modulare Oberstufe umgesetzt. Neu geregelt wird vor allem die Benotung ab der 6. Schulstufe an Gymnasien und berufsbildenden höheren Schulen.

So modular, wie sich der Name anhört, ist das neue Konzept nicht, weshalb das Ministerium nur noch von der neuen Oberstufe spricht – NOST statt MOST also. Die Idee war, dass Schüler auf das Leben an der Universität vorbereitet werden. Das Schuljahr wird in Semester eingeteilt und die Schüler müssen am Ende alle "Scheine" – also positive Noten – zusammengetragen haben.

Das Bildungsministerium will durch die neue Oberstufe das Sitzenbleiben und die Schulabbrüche reduzieren. Als Schulversuch wurde das Konzept bereit in 200 Schulen umgesetzt, eine Evaluierung wird allerdings nicht veröffentlicht. Der KURIER hat Experten gefragt, was die Reform für den Schulalltag bedeutet.

  • Zwei Zeugnisse Bisher gab es für alle Schüler Anfang Februar eine Semesternachricht, die für die Versetzung keine Folgen hatte, weil man sich noch ausbessern konnte. Zukünftig wird in der Oberstufe am Ende des Halbjahres ein Zeugnis ausgestellt. Für den Schüler heißt das: Er muss in jedem Semester seine Leistung erbringen und kann weniger darauf bauen, am Ende des Schuljahres noch das Ruder "herumzureißen". Wilhelm Zillner, Sprecher der AHS-Direktoren, sieht das positiv, weil Schüler weniger aufschieben können.
  • Neue Lehrpläne Die müssen neu geschrieben und an die Semester angepasst werden. Den Pädagogen wird jetzt detailliert vorgeschrieben, welche Kompetenzen in welchem Semester vermittelt werden müssen – in manchen Fällen sind das mehr als 30 verschiedene Gebiete pro Halbjahr. Beherrscht ein Schüler am Semesterende nicht alle Kompetenzen, muss der Lehrer in einem Detailblatt zum Zeugnis Defizite auflisten. Positiv: Der Schüler legt nur noch eine Prüfung über den Stoff ab, den er nicht beherrscht hat. Ein Direktor bemängelt allerdings, dass noch nicht in allen Fächern die Lehrpläne angepasst wurden. "Alte Schulbücher können weiterhin verwendet werden, da die neuen Lehrpläne eine Semestrierung des weitgehend identen Lehrstoffs vornehmen", erklärt das Bildungsministerium auf KURIER-Anfrage.

Ein Schulleiter einer berufsbildenden Schule, der die neue Oberstufe bereits aus der Praxis kennt, kritisiert: "Dort wo es Lehrpläne gibt, hat man in manchen Semestern einen vollgepackten Stundenplan, in anderen mehr Luft. Doch der Lehrer darf keine Themen mehr ins nächste Halbjahr verlagern."

  • Aufsteigen trotz Fleck Die gute Nachricht: Schüler können in die nächste Schulstufe aufsteigen, obwohl sie zwei "Nicht genügend" haben. Einmal pro Oberstufe dürfen es sogar drei Fünfer sein. Die schlechte Nachricht: Aufstiegsklauseln sind Geschichte, zukünftig müssen alle Fünfer bis zur Matura getilgt werden. Jeder Schüler hat drei Versuche, die Note auszubessern – im Normalfall innerhalb eines Jahres. Die beste Note, die er dabei erhalten kann ist ein "Befriedigend". Schulleiter Zillner beurteilt das System ambivalent: "Sicher ist es gut, dass Schüler am Ende des Jahres keine Wiederholungsprüfung wie bisher machen müssen, sondern nur den Stoff nachlernen, den sie nicht beherrschen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass man das, was auf der Uni funktioniert, nicht eins zu eins auf pubertierende Schüler übertragen kann. Einige nützen zwar die Chance und holen ihre Lücken sehr schnell auf. Andere wiederum schieben die Prüfungen so lange vor sich her, bis sie vor einem Trümmerhaufen stehen." Dramatisch ist es, wenn Schüler Prüfungen ewig mitschleppen und kurz vor der Matura die dritte und letztmögliche Prüfung machen – "Zeitbombenprüfung" nennen das Experten. Scheitern die Schüler, bleibt ihnen nur noch die Externisten-Matura als Alternative.
  • Lernbegleiter Ein besonders geschulter Pädagoge soll jene Schüler unterstützen, die einen Fleck im Zeugnis haben. Dieser Lerncoach aus dem Lehrerteam soll aufzeigen, wie sich Schüler besser organisieren und sie besser lernen können. Hat er den Eindruck, jemand wird seine Defizite nicht in einem Schuljahr ausgleichen, kann er ihm raten, die Klasse freiwillig zu wiederholen. Das ist nämlich nach wie vor möglich. Der Vorteil zu früher: Wer einmal ein Fach positiv abgeschlossen hat, kann sich nicht verschlechtern, wenn er wiederholt.
  • Schneller Aufsteigen Hochbegabte profitieren vom neuen Zeugnissystem: Sie können vorzeitig Prüfungen ablegen, betont das Bildungsministerium, das aber vom Modulsystem abgerückt ist. Begründung: "Das erfordert einen wesentlich höheren Grad an Selbstorganisation von den Schülern. Es hat sich gezeigt, dass Module nicht von allen gleich gut genutzt werden können."

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