Leben 01.09.2016

Was tun, wenn man die Nerven verliert?

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Ein Drittel der Eltern sucht bei ihr Hilfe, weil die Emotionen zu Hause hochgehen, erzählt die Wiener Psychologin Martina Bienenstein.

Früher hatten die Kinder Angst, heute haben die Eltern Angst. Das Durchsetzen von Regeln und Strafen ist verpönt, Gewalt verboten. Besonders engagierte, moderne Eltern tun sich mit dem Erziehen schwer, weiß Martina Bienenstein. Die Psychologin begleitet Mütter und Väter in ihrer Online-Elternlounge bei diversen pädagogischen Herausforderungen – von den ersten Jahren bis zum Teenager-Alter.

Mit ihr reden die Eltern dann offen über Situationen, in denen sie die Nerven verlieren: "Das Problem ist die Ohnmacht – wenn Eltern glauben, sie haben keine Handlungsmöglichkeiten. Sie sind so verunsichert, dass sie sogar sprachlich gehemmt sind." Die Vorstellungen von moderner Erziehung lähmen die Kommunikation in Familien, so die Kinder- und Jugendtherapeutin.

Drohungen, Schreie, Schläge passieren dann erst recht. Ein Drittel der Klienten kommt zerknirscht zu ihr, nachdem die Emotionen mit ihnen durchgegangen sind. In Gruppen- und Einzelgesprächen offenbaren sie ihr schlechtes Gewissen. "Eltern haben riesige Angst, dass ihr Kind einen psychischen Schaden nimmt. Sie wollen regelkonforme und gleichzeitig individualistische Kinder. Dann betonen sie, dass ihr Kind so willensstark ist. Gleichzeitig fürchten sie, dass es sich nicht anpasst." Diese Unsicherheit spüren Kinder, weiß Bienenstein: "Sie merken die Unsicherheit und nützen sie entweder, um Dinge zu erreichen, oder sie sind verunsichert. Sie suchen nach klaren Anhaltspunkten."

Wann eskaliert es?

Ihr Credo in der Arbeit mit Eltern: "Mut geben zum Entspannen." Die eine, richtige Strafe für schlechtes Verhalten gibt es nicht. Eltern könnten ruhig auf das klassische Fernseh- oder Tabletverbot zurückgreifen, auch wenn die Erziehungsberater oft logische Konsequenzen fordern. "Überlegen Sie sich, welche Situationen immer wieder eskalieren. So sind Sie in dem Moment nicht überfordert. Gehen Sie mit dem Kind, das sich im Supermarkt aufführt, bewusst hinaus und lassen Sie den Einkaufswagen stehen. Oder gehen Sie vom Spielplatz nach Hause. Dann sieht es: "Mama meint es ernst!" Das sei auch für später wichtig: In der Pubertät testen Jugendliche weiter, ob Eltern die Grenzen selbst einhalten, die sie den Kindern setzen. Das sei oft unbequem. Bienenstein: "Wenn ein Teenager nicht zur vereinbarten Zeit daheim ist, muss man vielleicht ein Mal hinfahren und ihn wegholen. Damit zeigen Eltern, dass ihnen die Regel wichtig ist – und das Kind. Aber aus Angst vor Konfrontationen lassen Eltern zu viel durchgehen."

Auch Elternberaterin Margit Dechel erlebt in ihren Workshops die "emotionale Achterbahn der Eltern": "Im Moment der Ohnmacht müssten Eltern sich ein paar Sekunden selbst beobachten. Das macht etwas mit ihnen." Sie hilft den Eltern zu erkennen, was wirklich wichtig ist. "Wenn ein Kind auf die Straße laufen würde, muss man laut schreien. Wenn es beim Essen mit Besteck spielt, dann nicht." Oft stehen Müttern und Vätern ihre eigenen Emotionen im Weg, weiß Bienenstein: "Für Kinder ist es auch wichtig, dass sie die Gefühle ihrer Eltern sehen. Sonst wären wir ja Erziehungsmaschinen."

( kurier.at , dd ) Erstellt am 01.09.2016