Was uns der kleine Prinz heute noch lehrt

Eine Illustration des kleinen Prinzen, der auf einem Felsen steht und in den Himmel schaut.
Antoine de Saint-Exupéry hat ein einmaliges Werk erschaffen. Warum es bis heute beliebt ist.

Der kleine Prinz ist mittlerweile älter als 70 Jahre – und noch immer bezaubert der ewig junge Philosoph die Menschen. Gerade erlebt er ein Comeback: Im Kino startete ein Film, der bei internationalen Filmfestivals mit Preisen überhäuft wurde. Und die deutschen Bestsellerautoren Peter Sloterdijk und Hans Magnus Enzensberger haben sich an neuen Übersetzungen versucht. Auch ein Musical tourt derzeit durch Österreich.

Bestseller

140 Millionen Mal wurde das Buch von Antoine de Saint-Exupéry verkauft und in fast alle Sprachen übersetzt – ein Welterfolg ungeahnten Ausmaßes. Dabei waren die Voraussetzungen für das Buch denkbar schlecht: Schwermütig und verzweifelt schrieb sich der Pilot im US-Exil das Heimweh von der Seele. 1943 wurde der kleine Prinz veröffentlicht. Der Verkauf verlief anfangs so schleppend, dass es Ende des Jahres kaum noch nachgefragt wurde. Ein Renner wurde das Buch erst nach dem Tod Saint-Exupérys.

Viele kennen es, ohne es je in der Hand gehabt zu haben. Denn überall begegnen uns Zitate daraus: auf Plakaten, in sozialen Medien und in Predigten. Am berührendsten: "Man sieht nur mit dem Herzen gut". Das findet nicht nur Werbeprofi Harry Bergmann (Demner, Merlicek und Bergmann). Der Werber weiß, wie man Botschaften verpackt: "Dieser Satz ist die schönste Formulierung unserer gesamten humanistischen Weltanschauung."

Evangelium ohne Gott

In einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Werte im Umbruch befinden und Religionen keine Regeln mehr vorgeben, sind solche Botschaften wichtiger denn je. Wie praktisch, dass es das "Evangelium nach Antoine de Saint-Exupéry" gibt, wie es ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein formuliert: Der Franzose habe "tatsächlich die Bibel neu geschrieben, eine Bibel ohne Gott, für die postchristliche Gesellschaft".

In dieser Bibel lesen Erwachsene immer noch gerne, wie Werber Peter Kranner (Ben Doro Dad) bestätigt. Warum? "Viele Metaphern versteht man erst später, wenn man schon eine gewisse Lebenserfahrung hat. Da regt die Geschichte zum Innehalten an, und ich frage mich, wie alles war und alles sein könnte." Fragen, die nie aus der Mode kommen.

Der Erfolg des niedlichen Kerlchens macht aber mehr aus, wie Bergmann weiß: "Es ist die Kraft der Fantasie, die gerade in der rationalen Erwachsenenwelt Aufmerksamkeit und Orientierung schafft." Und es sind die Bilder, die jeder im Kopf hat, etwa die der Schlange, die einen Elefanten schluckt: Hat sich das nicht jeder mit etwas Fantasie genau so vorgestellt?

Wie ein gutes Hausmittel

Das Geheimnis der Popularität sei die Kombination aus diesen Bildern und einer guten Geschichte, sagt Kranner: "Wir müssen als Werber oft ein Produkt vermitteln, das nicht so offensichtlich für sich selbst spricht. Beim kleinen Prinzen ist das anders. Es ist ein ausgezeichnetes Projekt, das über Generationen hinweg weiter empfohlen wird, wie ein gutes Hausmittel." Es löst eine Faszination aus, die vergleichbar sei mit Harry Potter, der auch von Jung und Alt gelesen wird, und hinter dem mehr als eine schöne Erzählung steht.

Dass es jetzt vom Österreicher Nicolas Mahler neu illustriert wurde, störe wenig, sagt Kranner: "Jedes Produkt ändert sein Logo, etwa Coca-Cola oder Facebook." Und: "Es wird auch in Zukunft seine Zielgruppe finden – egal über welchen Kanal, Facebook oder Youtube."

Wie aus einer Kritzelei ein Klassiker wurde

„Nicht viel, nur ein kleines Kerlchen, das ich in meinem Herzen herumtrage“. Das soll Antoine de Saint-Exupéry geantwortet haben, als er in einem New Yorker Kaffeehaus gefragt wurde, was er denn da auf das Tischtuch kritzelte. Dem Verleger Curtice Hitchcock gefiel das so gut, dass er seinen Freund dazu animierte, eine Geschichte zu diesem „kleinen Kerlchen“ zu schreiben. Der kleine Prinz war entstanden – so lautet eine Version der Entstehungsgeschichte. Das war im Jahr 1943, Saint-Exupéry war vor den Nazis ins Exil geflohen.
Ein halbes Jahr, nachdem das Buch in den Handel kam, waren gerade einmal 30.000 Exemplare verkauft. Und das, obwohl Antoine de Saint-Exupéry bis dahin schon als Schriftsteller äußerst erfolgreich war. Er war für seine philosophischen Abenteuerberichte berühmt, in denen er seine Erlebnisse als Berufspilot in Afrika, Europa und Südamerika verarbeitete. „Der Südkurier“ und „Der Flieger“ waren seine bekanntesten Werke bis dahin.
Das Problem an dem neuen Buch: Für Kinder war es zu philosophisch, für Erwachsene zu kindlich. So lautete damals der Tenor der Kritiken. Aus Sicht des Autors aber nachvollziehbar, hat Antoine de Saint-Exupéry in der Geschichte doch zwei Alter Egos: der junge Antoine findet sich im kleinen Prinzen wieder, der erwachsene im Piloten.

Kommentare