Oslo Fjord Sauna in winter

Weekender Oslo: Kunst, Architektur und Kulinarik

Norwegens Hauptstadt Oslo vermag Kunst- und Kulinarik-Fans zu begeistern: Architektur mit Anspruch trifft auf Edvard Munch, aber auch für junges Design ist Platz. Die „Nordic Cuisine“ steht für sich.

Von Christoph Schwarz

Manche Schätze, die glitzern gar so prächtig und unerreichbar schön, dass selbst die mächtigsten Herrscher der Welt alles dafür tun würden, sie ihr Eigen zu nennen. Einer wurde, wie jedes Jahr seit 1901, erst vor wenigen Wochen im Rathaus der norwegischen Hauptstadt Oslo verliehen: die Medaille des Friedensnobelpreises. Auf der politischen Weltbühne dies- und jenseits des Atlantik sorgt er derzeit für anhaltende Spannung.

Aber auch für all jene, die nicht im Goldrausch sind, ist Oslo, im inneren Oslofjord im Süden des Landes gelegen, eine Reise wert.  Die 700.000-Einwohner-Stadt ist  eine mehr als sehenswerte Alternative zum überlaufenen, weil gehypten Kopenhagen – und gerade einmal zwei Flugstunden von Wien entfernt. Royaler Charme und moderne Architektur liegen hier ebenso nur einen Spaziergang  voneinander entfernt wie große Kunst und  kleine Design- und Vintage-Shops. Gastronomisch huldigt man gekonnt der „Nordic Cuisine“, die Skandinavien  vor rund zwei Jahrzehnten zur kulinarischen Vorreiterregion der Welt gemacht hat.

Oslo Fjord Sauna in winter

Das 2008 eröffnete Opernhaus gilt als eine der wichtigsten modernen Kulturbauten des Landes: Es ist einem Eisberg nachempfunden. Nur wenige Meter entfernt können Mutige im Fjord saunieren 

©Getty Images/Imre Cikajlo/istockphoto

Das Schöne: Weil in Oslo fast alles zu Fuß ergehbar ist, kann man einfach  losgehen. Am Königlichen Schloss kommt man fast zwangsläufig  vorbei, es liegt zentral am westlichen Ende der Prachtstraße Karl Johans Gate, die all jene, die gerne shoppen, an diesem Wochenende wohl noch des Öfteren queren werden. (Nur nicht am Sonntag, denn bei den Ladenöffnungszeiten ist man in Norwegen überraschenderweise ähnlich illiberal wie in Österreich.) Wer sich vom Schloss royalen Prunk à la Windsor erwartet, der wird enttäuscht. In Norwegen beweisen selbst die Monarchen wohltuendes Understatement. Im neoklassizistischen Stil gehalten, entstand das Schloss erst im 19. Jahrhundert – und erzählt damit einen Teil der Stadtgeschichte: Wirklich historisch ist Oslo nämlich nicht. 

Die alte Stadt fiel 1624 einem Brand zum Opfer; der herrschende dänische König ließ sie nicht wieder aufbauen, sondern verlegte sie zur Festung Akershus, wo ab 1814, als Norwegen unabhängig wurde, ihr Aufstieg zur Hauptstadt begann. Das Schloss selbst ist nur im Sommer zu besichtigen, bei einer Runde durch den Schlosspark  kann man aber allerlei Skulpturen bewundern und erhält so einen Vorgeschmack, wie es die Norweger mit der Kunst halten: Sie ist nicht in muffige Museen gesperrt, sondern Teil des öffentlichen Raums.  Daher lohnt sich auch ein Besuch im Historischen Museum, in dem die Kuratoren ein Schaustück dafür liefern, wie Geschichte zeitgemäß erlebbar gemacht werden kann. Auf mehreren Stockwerken erhalten Besucher einen Einblick in die norwegische Geschichte. Wie es unter dem Decknamen „Heavy Luggage“ 1940 gelang, die Goldreserven vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, wird ebenso spannend dargelegt wie   die Arktisreisen des Entdeckers Roald Amundsen.

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Oslo hat seine „Fjord City“ ganz bewusst zum Stadtentwicklungsgebiet erklärt – und errichtet hier Architektur mit Anspruch. 

©Visit Oslo

Der letzte seiner Art

Dass man es in Norwegen früh mit Raufbolden zu tun hatte, lässt sich in der Wikinger-Ausstellung erkunden – ein Höhepunkt des Rundgangs.  In einem lichtdurchfluteten Saal erzählt man, reduziert auf nur 19 Schaustücke in simplen Glasquadern, die Geschichte der Nordmänner. Im Zentrum steht der weltweit einzige erhaltene Wikingerhelm. (Nicht enttäuscht sein: Hörner hat er keine.)

Vorbei mit der nordischen Zurückhaltung ist es überall dort, wo ein Name fällt: Edvard Munch. Der 1863 geborene Maler gilt als einer der Wegbereiter des Expressionismus. Sein Hauptwerk „Der Schrei“ kann in Oslo in gleich zwei Museen bewundert werden. Munch hat von dem Bild (und einigen anderen) nämlich mehrere Versionen gemalt. Die Touristiker danken es ihm bis heute. 

A visitor uses a smartphone to take a photograph of one of the versions of 'The Scream' by Edvard Munch in the National Museum in Oslo, Norway

„Der Schrei“ von Edvard Munch: Versionen hängen in Oslo in zwei Museen. 

©REUTERS/Tom Little

Sein Gesamtwerk, das er in Ermangelung von Erben der Stadt vermacht hat, ist  im Munch-Museum ausgestellt. Im Jahr 2021 hat man  der Ausstellung einen Neubau  gegönnt, der mittlerweile selbst zu einer Art  Wahrzeichen geworden ist. Der Bau, meinen die Osloer, nicke der geschäftigen Hauptstadt zu – eine respektvolle Verbeugung vor der Oper, der Stadt und der Kunst an sich. Tatsächlich hat der Bau einen weithin sichtbaren Knick in der Fassade. In Anlehnung an den griechischen Buchstaben trägt er den Namen „Lambda“. 

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Der weltweit einzige erhaltene Wikingerhelm

©Schwarz Christoph

Auf 26.000 Quadratmetern und 13 Stockwerken kann man sich alles erzählen und zeigen lassen, was man über Munch wissen will. „Der Schrei“ gehört freilich dazu; in einer sich drehenden Rotunde wird im Stundentakt wechselnd, immer eine Version gezeigt. Das klingt nach ein bisschen zu viel Munch? Ja, in der Tat. Weniger Gedränge herrscht im Nationalmuseum, in dem – wie angekündigt  – auch eine Version des „Schrei“ hängt. (Dass es zugleich die weithin Bekannteste ist, erleichtert manchem vielleicht die Entscheidung zwischen den beiden Museen.) Ansonsten beschränkt sich der Munch-Hype auf einen Raum; gut so, damit bleibt mehr Platz für eine umfassende Zeitreise durch die Welt des Designs.

3 Kuriose Fakten

3 Kuriose Fakten

Wussten Sie dass... 

…  die Bauarbeiten am Opernhaus so gut liefen, dass es früher als geplant eröffnet wurde? In Österreich wohl undenkbar.
… die U-Bahn direkt zur Rodelbahn „Korketrekkeren“ führt? Die Route endet auch an einer Station: auf in eine zweite Runde! 
... die Skisprungschanze  Holmenkollbakken im Stadtgebiet liegt? Der Ausblick ist bei guter Sicht den Abstecher wert.

Direkt nebenan liegt das erwähnte Nobel-Friedenszentrum, in dem man  der Geschichte von Alfred Nobel nachspüren kann. Dem jeweils aktuellen Preisträger – es ist derzeit die Venezolanerin María Corina Machado – ist eine eigene Sonderausstellung gewidmet. Die Medaille selbst gibt es natürlich ebenso zu sehen; einfach schnappen kann man sie sich aber  nicht, man muss sich mit Souvenirs aus dem Shop begnügen.

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Das „Nobel Friedenszentrum“ widmet den Preisträgern eigenen Ausstellungen 

©imago images/YAY Images/ via www.imago-images.de

Architekturbegeisterte könnten wohl noch Tage in den Hafenvierteln verbringen, die man unter dem Namen „Fjord City“ zum Stadtentwicklungsgebiet erklärt hat. Das einstige Werft-Viertel Aker Brygge ist ein Fixpunkt, die Oper sowieso. Einem treibenden Eisberg nachempfunden liegt sie im Hafen. Sie besteht zu 90 Prozent aus italienischem Carrara-Marmor und gilt seit ihrer Eröffnung 2008 als eine der bedeutendsten Kulturbauten des Landes. Es war das erste Opernhaus der Welt, das man besteigen konnte; der gar nicht mal so beschwerliche Weg über die Schrägen bis auf das Dach gehört zum Besuch  dazu. Von oben hat man eine schöne Aussicht – unter anderem auf die der Oper vorgelagerte Skulptur „She lies“, die – aus Glas und Stahl gefertigt – dem „Eismeer“ von Künstler Caspar David Friedrich nachempfunden ist.

Ich packe in meinen Koffer ... 

  • …  Pullover, Schal, Haube. In Oslo wird es rasch kalt.
  • … Badesachen. Wer sie griffbereit hat, kann im Hafen spontan zum Aufwärmen eine schwimmende Sauna.
  • ... den jüngsten Krimi des norwegischen Star-Autors Jo Nesbø: Er heißt „Minnesota“ – und tatsächlich führt eine blutige Spur von Norwegen in die USA. Wie passend.
     

Nordische Genüsse

So viel Kultur macht hungrig. Gut, dass auch Gourmets in Oslo auf ihre Kosten kommen. Wer Fine Dining liebt, stößt auf Größen wie den Michelin-Drei-Sterner „Maaemo“ oder das  „Kontrast“ (zwei Sterne). Modern interpretierte norwegische Küche findet man (gleich ums Eck des Munch-Museums) auch im „Vaaghals“, das seine Produkte von regionalen Produzenten bezieht und Besonderheiten wie Rentier auf die Teller bringt. Dem Küchenteam in der offenen Küche dabei zuzusehen, wie fast geräuschlos alles Hand in Hand geht, ist ein Genuss für sich.

Wer sich ins hippe Viertel Grünerløkka und seine Einkaufsstraße Markveien wagt, sollte bei der Anreise Platz im Koffer gelassen haben: Hier finden sich in kleinen Shops Designstücke und viel hochwertiges (!) Second Hand; aber auch jene, die nur stöbern wollen, sind willkommen. Brunchen kann man hier ausgiebig und gut; Tipp: das „Babbo Collective Øvrefoss“. Zurück ins Zentrum sollte man den Weg über die  Ankerbrua (also die Ankerbrücke) wählen, die auch Märchenbrücke genannt wird: Vier imposante  Bronzeskulpturen zieren sie – darunter Peer Gynt.

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Austern in der „Fiskeriet“ 

©Schwarz Christoph

Letztendlich macht man bei einem Besuch in der kleinen, relativ neu eröffneten „Fiskeriet“ nichts falsch: Sie ist Fischladen und Lokal in einem, dementsprechend lebendig geht es zu.  Aus den verschiedenen Austernsorten wählt man quasi direkt aus den Wasserbassins. Wer nicht bleiben will, nimmt feine Konserven mit – von der zart geräucherten Fischleber bis zur Schwermuschel findet man fast alles. Nicht gerade billig, aber geschmacklich nicht in Gold aufzuwiegen.

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Das charmante „Spor av Nord“ bietet von Brunch bis Dinner alles – und das zu vernünftigen Preisen

©Schwarz Christoph

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